Liberation is a journey:
I came with you

Von der Decke hängen Installationen aus Spielzeug, Kuscheltieren, kleinen Korbstühlen und Sesseln, ein Kinderwagen. Sie hängen von der Decke und bleiben unberührt, den ganzen Abend über, man sieht sie kaum, nur wenn das Licht gut fällt, hinter der leichten weißen Leinwand, wie Gaze, die sich mit jedem Luftzug ein bisschen bewegt. Sie bleiben die Erinnerungen, die Spuren einer Kindheit, einer Kindheit, die es entweder nie gab oder die schon weit zurück liegt, die man nur erahnen kann, einer Kindheit unbeschwert und verspielt, in einem bunten Zimmer oder einem großen Garten. Die Figuren in „Liberation is a journey“ sind weit entfernt von einer solchen Kindheit. Und doch bleibt deren Möglichkeit, die Spuren ihres Dagewesen-Seins oder ihrer Nichtexistenz immer präsent. Sie schweben über den Figuren, sie werden sichtbar im Hintergrund, aber die Figuren können nichts mit ihnen anfangen, nicht mit ihnen umgehen, und eben deswegen müssen diese Installationen so unberührt bleiben, weil sie unberührbar sind.

Denn die Figuren müssen sich anderen Fragen stellen. Nach Heimat, nach Verantwortung, nach Zukunft. Sie erscheinen in Videosequenzen, meistens zu zweit, gefilmt in leeren Räumen, leeren Häusern, oft am Fenster, mit dem Blick nach draußen, in die Welt, die einem in diesem Stück manchmal so fremd wird. Denn die Figuren verbleiben an Nicht-Orten, in Nicht-Situationen, an verlassenen Orten, verlassen. Einer sagt zu seinem Freund: „Please come with me.“ Aber der hat das Gefühl, bleiben zu müssen oder nicht gehen zu können: „Like I told you, I can’t.“

Außerhalb der leeren Häuser werden die Schauspieler immer wieder in der Natur gefilmt. Auf Feldwegen, zwischen Birnenbäumen. Das ist bezeichnend, wo doch die Natur so ein Nicht-Ort ist, schlecht zuzuordnen zu einer Stadt oder einem anderen konkreten Ort, und wo doch gleichzeitig Landschaft ein so wichtiger Einflussfaktor auf eine Kultur ist, wo jedes Land eine ganz spezifische Landschaft aufweist und über eben diese auch identifiziert werden kann.

Die Figuren des Stücks stammen nicht aus Deutschland. Sie sprechen türkisch, englisch, französisch, deutsch; sie kommen aus Europa oder aus Afrika. Es geht ums Nicht-zu-Hause-Sein. Ums Nicht-Zurückkehren-Können. Um Weggehen und Bleiben. „Willst du jetzt für immer hierbleiben?“ „Ich verstehe die Frage nicht.“ „Du bist jetzt in Deutschland. Willst du zurück nach Afrika?“

Es sind ruhige Bilder, die da auf diese leicht transparente Leinwand projiziert werden. Ein Junge und ein Mädchen, die eine Leiter durchs trocken Gras tragen. Die Birnen pflücken. Sie sagt, sie könne ihm nicht mehr vertrauen. Sie zweifelt an seiner Männlichkeit. Wie er sich kleidet, wie er sich gibt. Und: „Du kommst immer zu spät.“ „Dann komme ich morgen für dich früher.“ Er sagt, er sei bereit, für sein Vaterland zu sterben. Aber zum Militärdienst will er nicht.

Gewalt zieht sich als Leitmotiv durch die Filmsequenzen. Zwei Mädchen mit einer Waffe. „Meinst du, dass es schwer wäre, jemanden damit zu töten?“ „Weiß ich nicht. Ich hab noch nie jemanden getötet.“ Einer will Soldat werden: „Die gute Seite ist die, dass man Menschen hilft, die schlechte, dass man selber draufgehen kann.“ Man fragt sich manchmal, wo all diese Waffen auf einmal herkommen. Und auf der anderen Seite interessiert es einen nicht, weil man spürt, dass sie überall herkommen können, dass nur zählt, dass sie da sind.

Und so stehen die Spieler in den Filmsequenzen im krassen Gegensatz zu den Sängern auf der Bühne: die einen mit der Waffe in der Hand, die anderen mit Kuscheltieren über den Köpfen. „Nous sommes nos propres pères, si jeunes et si vieux, ça fait penser / nous sommes nos propres mères, si jeunes et si vieux, mais ça va changer.“ Sie sind ihre eigenen Väter, ihre eigenen Mütter, sie sind allein im fremden Land und können nur versuchen, jemand anderes zu finden, jemanden, mit dem zusammen sie weniger allein wären.

Und so geben die Sänger, die hinter der Leinwand sitzen, aber auch die Videos verfolgen und eben diese mit gesungenen, wortlosen Klangteppichen verdichten, den Filmfiguren eine zusätzliche Sicherheit. Denn sie sind auch da. Und sehen zu. Und hören zu. Und haben eigene Geschichten. Und singen.

Wahrscheinlich sollte man das Stück des Düsseldorfer Ensembles nicht als Theater bezeichnen. Sonst fragen die Zuschauer hinterher, warum niemand auf der Bühne gespielt hat. Vielleicht könnte man es als Video-Musik-Bühnen-Installation bezeichnen. Aber wieso sollte man eigentlich versuchen, diese Performance in eine Schublade zu stecken, zu kategorisieren, wo es doch um Menschen geht, die eben mit diesen Kategorien hadern. Flüchtling. Einwanderer. Heimat.

Das Filmen war ein gutes Mittel, um den Spielern wirklich nah zu kommen. Es sind zarte Szenen, schlicht und sehr offen. Es wird wenig ausgesprochen und viel gesagt in diesen lakonischen Dialogen, mit diesen stillen Bildern. Die Darsteller spielen ungekünstelt und glaubwürdig. Sie überzeugen. Und eben deswegen ist diese Produktion so berührend, ohne Pathos aufkommen zu lassen, macht sie ihre Figuren so echt, deswegen verzeiht man ihr alles Nicht-Spielen und alles manchmal Befremdliche im Bühnen-Auf-und-Ab der Sänger. Es ist den Spielern gelungen, den Zuschauer mitzunehmen auf ihre Reise. Und das ist das, was zählt.

Foto: Dave Großmann