Liberation is a journey:
Bewundernswerte
Einfühlsamkeit

Im Mittelpunkt des Abends steht ein Film. Es sind Episoden von entwurzelten jungen Menschen: ein türkischer junger Mann, dessen Schwester?, Freundin?, ihm mangelnde Männlichkeit vorwirft, eine junge Frau aus Guinea, die ein Massaker in ihrem Heimatdorf mit ansehen musste, ein junger Mann, auch aus Guinea, der nach Deutschland geflohen ist, und einen anderen Flüchtling trifft.

Die Figuren schreien und weinen nicht. Sie sind verstummt und verloren und, nach gelungener Flucht, dem Frieden, der Fremde und der Stille ausgeliefert. Die Kamera folgt ihnen, wackelt, geht porengenau auf die Gesichter ein, auf die Bewegung der Lippen, das Niederschlagen der Lider. Die Figuren erzählen mit einer tief bewegenden Glaubwürdigkeit: voller Denkpausen, Versprecher und Missverständnissen. Auf Filmmusik wird weitestgehend verzichtet: Im Vordergrund steht die Geräuschkulisse – Schritte, Wind, und jenes Hintergrundrauschen, dessen Ursprung der Zuschauer nicht genauer bestimmen kann, aber das ihn naturnah in die Situation versetzt. Aufnahmen von einer bewundernswerten Einfühlsamkeit.

Die Schwäche des Films ist sein Grenzgang zwischen Kunstwerk und Dokumentation: Wenn zu Beginn zwei Figuren Birnen pflücken, wenn eine Figur träumend auf dem Boden liegend auf dem Off von sich erzählt, wenn in surrealen, wie aus dem Bewusstsein der Figuren aufsteigenden Clay-Motion-Animationen Knetfiguren erschossen umfallen, wenn ein scheinbar aus dem Nichts kommender junger Mann am Klavier ein französisches, selbst verfasstes Gedicht aufsagt, so ist eindeutig die künstlerische Hand eines feinfühligen Regisseurs im Spiel. Solche Situationen lassen sich betrachten wie eine preisverdächtige Kurzfilmproduktion.
Wenn aber die Animationen vereinzelt und verloren ins Filmgeschehen geschnitten werden, wenn die Kamera unerwarteterweise zu einer interviewenden Identität wird, und die Figuren wie von ihr gefragt in sie hinein antworten, entsteht der Eindruck einer verkappten Dokumentation. Kurzum: Es ist zu unpoetisch, um Filmkunst zu sein, und zu poetisch, um Dokumentation zu sein.

Ferner: Das Konzept erschöpft sich, wenn auch die dritte und vierte Figur wie ausgesetzt durch eine ländliche Gegend streift und in verfallenen Häusern steht. Während der Zuschauer am Anfang nicht hinterfragt, wie die Figur nun an diesen ungewöhnlichen Ort gekommen ist, entsteht bei der Wiederholung Verwirrung: Ist das Einfallslosigkeit? Ist das noch authentisch? Ist die Ratlosigkeit der Figuren nur ihre eigene Ratlosigkeit, oder schimmert da auch die Verlorenheit im minimalistischen, handlungsarmen, situationsenthobenen Filmkonzept hervor?

Trotzdem: mit einer Reduktion auf weniger Figuren und einem Schwerpunkt auf die beeindruckenden Animationsclips (die in ihrer abstrahierten Reduziertheit Bilder von Gewalt und Krieg so viel bewegender transportieren als Schreie und Blut) entstünde ein beeindruckender, vielleicht halbstündiger Kurzfilm.
Leider wurde die Aufführung des Films durch Vokalgesang von der Bühne unterbrochen, und durch Licht- und Schattenspiele einer Installation hinter der Leinwand aus dünnnen Vorhangstüchern, auf die der Film projiziert wurde.

Der Vokalgesang: ein mal angenehmes, mal dissonantes sich Überlagern von Aah!- und Ooh!-Tönen. Er drückt das Gefühl von verstörender Nachdenklichkeit aus, das durch den Film selbst längst beim Zuschauer entstanden ist. Gut gemeint – aber unnötig.

Die Installation: Eine Sammlung von Gegenständen, alten Stofftieren und Kinderwagen, Töpfen und Pfannen, an Fäden aufgehängt, wie schwerelos den Raum ausfüllend. Man weiß: bei uns wäre es Müll, eine Sperrmüllsammlung der späten Neunziger, in armen Ländern sind es kaum ersetzbare Gegenstände. Die Installation schimmert hinter der Leinwand auf und man denkt: beeindruckend! – aber ebenso nicht unbedingt notwendig.

Natürlich darf das Projekt Liberation is a Journey zum Theatertreffen: Es ist auf einer Bühne aufführbar. Vielleicht löst es Diskussionen aus, was Theater darf, und was nicht. Aber ich denke: Theater darf alles, und die Frage ist eine andere – nicht formal, sondern inhaltlich: Welche Maßstäbe setzt sich das Material selbst? Wo ist die Intensität? Die Performance des gestrigen Abends beschnitt sich selbst: Die Installation blieb eine Assoziation, der Vokalgesang ein Bruch, beides Anhängsel, die das Potenzial des Films an seiner ganzen Entfaltung hinderten, der auf einer Kinoleinwand noch mehr beeindruckt und bewegt hätte. Liberation is a Journey durfte auf die Bühne – aber es war dort nicht perfekt aufgehoben.

Foto: Dave Großmann