Lesung der Preisträger*innen:
Das Eigene, das Andere
und dazwischen Text

Draußen kollabiert etwas. Während wir hier sitzen, lesen, unsere Figuren zu Abend essen und Feste feiern lassen, kollabiert draußen etwas. Warum über Sekt reden, fragt eine der 20 jungen Autor*innen, wenn es nichts zu feiern gibt? Und das obwohl es genug zu feiern gäbe bei der 30. Preisträger*innen-Lesung des Treffens junger Autoren. Warum Alltag unmöglich und wunderschön ist, welche Reisen wir machen müssen und warum es sich lohnt, manchmal doch über Sekt zu reden: drei Fragen nach einer nicht unpolitischen Lesung.


Meine Welt: Eine reizende Attrappe

Zu Beginn wird zu Abend gegessen. Weil immer gegessen wird in Texten, die unsere privatesten Räume – Familie, Beziehung – unter Glas legen und Gefühle, Figurenkonstellationen isolieren wollen. Zoom auf den Suppenlöffel und von dort aus Totale auf das eigene Leben. Doch was passiert, wenn ein Text Alltag zum Experimentalraum werden lässt, wenn er immer weiter zoomt auf die kleinsten Gesten seiner Figuren, ihre Gedanken und Dialoge bis ins Molekulare verfolgt?

Das ist, als würde man den Spiegel ansehen, bis es komisch wird und man sich fragt, was davon eigentlich noch zu einem gehört. Die Nase, die Augen vielleicht, aber ganz sicher nicht der Blick, durch den einen immer schon viele ansehen. Und auch nicht das Denken, das schon tausendfach durchdacht worden ist, bevor es sich einem über den Bildschirm in die Netzhäute eindrückt, dahinter eine elektrochemische Reaktion auslöst und schließlich als Teil der eigenen Individualität archiviert wird. Auch wenn wir neben dem Stream leben, ist das heute schon wieder Mainstream.

Der Fokus auf den Alltag, wie ihn viele der ausgewählten Texte gesetzt haben, zeigt unseren Alltag als Attrappe, doch sucht er immer schon das Eigene, das Besondere dahinter. Die reizende Schönheit einer Banalität oder der Scheinwerfer, der einfach so vom Himmel fällt, lassen uns aufmerken. Was erzählt wird, ist der Einbruch des Anderen in dasjenige, was wir für selbstverständlich nehmen: das gemeinsame Abendessen, das Familienfest. Das Erzählte wirkt befremdlich, Alltag unmöglich. Und doch finden wir uns darin wieder, wie wir das Eigene durch den Blick des Anderen anschauen.


Da draußen: Namenloses und viele Fragen

Das Andere findet immer nur hinter dem Küchenfenster statt. Von dort aus bricht es in unseren Alltag ein. Manchmal kollabiert es und dann lässt es auch unseren Alltag kollabieren. Wie aber können wir das, was da einbricht und kollabiert, fassen? Am besten geben wir ihm keinen Namen, heißt es in einem Text, denn was undefiniert bleibt, kann noch alles werden. Die Nebenfiguren sind sowieso die besseren Protagonisten und der beste Protagonist ist der, der fehlt, der gestorben ist oder einfach abgehauen. So kreisen einige der Texte um Leerstellen: den abwesenden Freund, die fehlende Heimat, das Gesetz, das nur 500 Meter weit reicht.

Das Andere lässt sich nicht denken. Aber wir können uns ihm annähern. Literatur ist einer der Räume, in dem wir das können, in dem wir das Andere zum Eigenen machen. Wenn wir uns dabei verlieren – und sich verlieren heißt immer, sich im Anderen zu verlieren – wird unklar, was das Andere zum Anderen und das Eigene zum Eigenen macht. Was sind das für Ordnungen: Herkunft, Religion, Geschlecht; und was passiert, wenn ich alle 2.500 Variationen menschlicher Gensequenz auf einmal schlucke? Die jungen Autor*innen stellen in ihren Texten Grenzen infrage, ohne zu leugnen, dass es sie gibt und dass es immer schwer ist, sie zu überwinden. Was von außen leicht aussieht, ist innen schwer.


Die Reisen, die wir machen müssen

Die Reise ins Andere, die Reise durch das Andere zurück ins Eigene und die Reise, die sich irgendwo dazwischen verliert. Die Texte der jungen Autor*innen zeigen, dass wir die wenigsten davon freiwillig machen. Vielleicht sind wir angekommen an einem Punkt, an dem Menschen nicht mehr Grenzen überwinden, weil es so subversiv ist, sondern weil es notwendig geworden ist. Die Reisen, die wir machen müssen, finden nicht statt in Literatur, aber durch sie. Die ausgewählten Texte erzählen von diesen Reisen und decken dabei immer wieder Unerwartetes, Schönes auf. Vielleicht deswegen sollten wir über Sekt reden, auch wenn da draußen die wenigsten feiern. Vielleicht ist Sekt ein besseres Wort als Hoffnung.


Foto: Dave Großmann