Lesung der
Preisträger*innen

29. Treffen junger Autoren

Wir konstruieren uns unsere Welt in und aus Sprache, heißt es im Vorwort zur Lesung von Thomas Oberender. Wir schaffen durch das Schreiben eine Welt, die es ohne uns gibt, die als Text, als Buch auch ohne uns bestehen bleibt. In zwanzig solcher Welten konnten wir am gestrigen Abend eintauchen und dabei erleben, dass in ihnen alles möglich ist: Man muss endlich einmal nicht die Schnauze halten und brav machen, was alle machen. Nicht das tun zu müssen, was von einem erwartet wird – das ist es, was das Schreiben von literarischen Texten auch sein kann, darf und muss.

In den Texten der Preisträgerinnen und Preisträger gibt es deshalb Häuser, die sich alleine fühlen, eine Gruppe Kinder, die Insektenforscher spielt und ihre Beobachtungsobjekte im wahrsten Sinne des Wortes auseinander nimmt – so wie es die Autoren mit der Welt tun, um sie in ihren Texten neu zusammenzusetzen. Es geht um Mastschweine, Heimat und Rostschutzmittel, aber auch die Angst, die man beim Schreiben einsperrt, um sie später wieder hervorzuholen. Übers Schweigen wird ebenso geschrieben, wie über das Malen des eigenen Horizontes, der bei den jungen Autoren zum Glück nicht an der massiven Schrankwand der Hater und Nörgler endet, die in der Moderation zitiert werden. Auch Gott darf vorkommen und dafür sorgen, dass sich ein zögerndes Mädchen und ein Junge auf einer Parkbank endlich näher kommen.

Vielen der Texte merkt man eine starke Innerlichkeit an – sie stammen von Autoren, die ganz genau auf die Zwischentöne im Alltag hören und diese in ihre Texte transportieren. Mädchen die ihre künstlichen Wimpern in Stellung bringen gibt es da und Menschen, die zwei Punkte gleichzeitig fixieren wollen, eigentlich alles auf einmal wollen: Surreales in Alltagssprache veranstalten, aus Kontexten ausbrechen und transatlantische Romanzen haben. Politisch werden die Texte dabei nicht, kritisiert eine Stimme aus dem Publikum. Ist aber der Diskurs über Grenzen, über eine Welt, in der nur noch die Spucke weit fliegt, in der die Protagonisten der Texte sich Zahnpasta in die Augen schmieren wollen, um der Kleinkariertheit wenigstens einen Hauch Farbe zu verleihen, nicht ebenso politisch? Eine zartbesaitete Origamiseele muss sich darin gegen eine RTL2-Nachmittagsrealität behaupten, ein Zwicken ohne Erwachen. Die Schicht Haut, die zwischen Wort und Wirklichkeit steht, erscheint an solchen Stellen besonders dünn.

Wie heißt es in einem der Gedichte so schön: Ein Bahnhof bleibt solange ein Bahnhof wie die Züge halten. Er wird somit durch seine Funktion charakterisiert, er darf sich nur deshalb Bahnhof nennen, weil es Züge gibt, die ihn als solchen definieren. Ein Text hingegen definiert sich durch sich selbst und stellt eine Welt dar, die es auch ohne uns Autoren gibt. Eine Welt, die von jedem Leser anders interpretiert wird – je nachdem, wo sein Horizont verläuft.

Foto: Dave Großmann