LATE IN THE NIGHT:
LAME IN THE NIGHT

von Anna Theresia Bohn

Während es draußen dämmert, inszeniert das EMAtheater aus Remscheid ihre Produktion “Late in the night…”. Es geht um die Nacht und um den Schlaf. Mit Blick auf die Text-Vorlagen werden produktive Konstellationen versprochen: Neben Autoren wie Jelinek und Murakami überwiegen Grimm’sche Märchen-Motive und Ausschnitte aus E.T.A. Hoffmanns Kunstmärchen “Der Sandmann”.

Von Beginn an quälen sich die Spielenden mit den Bedingungen, die jede Nacht so mit sich bringt: “Ich will nicht schlafen! Und ich kann nicht schlafen!” Als ob das nicht schon problemlos nachvollziehbare Gedankengänge sind, als ob das Publikum nicht bereits in der Szene des jugendlichen Schlafzimmers ist. Trotzdem rufen nun stereotypische, überzeichnet gesprochene Eltern-Stimmen aus dem Off: “Du schläft ja nicht!”.

Die Szene geht über in eine Stimmen-Collage. Jeder will die Frage nach dem Wie-schlafe-ich-am-besten-ein beantworten. Einzelne Stimmen wirken nicht für sich nebeneinander, sondern wollen sich in einer nicht erklärten Konkurrenz überbieten. Dabei existiert kein Raum, um tatsächlich einmal das Einschlafen zu versuchen und daran ehrlich zu scheitern. Vielmehr unterläuft der erzeugte hysterische Eindruck auf der Ebene der Form alle Fragen auf der Ebene des Inhalts. So überladen sind die ersten Szenen, dass der Inhalt nicht vermittelt, sondern nur leer behauptet wird.

Ich frage mich: Können die Spielenden nicht einschlafen? Oder wollen sie das vielleicht auch gar nicht und spielen daher so übereifrig? Oder sollen diese Fragen nicht beantwortet werden? Das wirkt dann leider unentschieden und lässt leicht den Gedanken an Beliebigkeit aufkommen. Denn in der Inszenierung wird zwar explizit behauptet, aber nicht umgesetzt. Darüber hinaus wird das, was behauptet wird, überklar verdeutlicht — und kann nicht nur für sich wirken. Ein passendes Beispiel dafür sind die Sound-Effekte. Eine Schauspielerin erzählt, wie sie Russisch Roulette spielt. Gleichzeitig hört man Kugeln rollen. Beim Ausschalten der mechanischen Teelichter hört man leicht den Wind rauschen. Das lässt dem Zuschauer keinen Freiraum für eigene Imagination und wirkt erdrückend. Statt eine Atmosphäre zu kreieren, wird diese postuliert.

Die Themenspanne entfaltet sich auf verschiedene Weise. Bewegungselemente werden genutzt im Tanz und im Freeze. Spannungen vom Tag wirken nach: Leistungsdruck aus der Schule, Terror der Eltern. Auch realpolitische Kritik wird ausgeübt, wenn die Schlafmittel der Pharma-Industrie als weiche Droge eingeschmissen werden. Immer wieder spielen sich Krisen in der Nacht ab, die im Zwischenraum von Traum und Realität schweben. Einzelne Elemente sind stark und unterhaltsam. Andere sind auch für sich stehend nicht klar.

In der dramaturgisch nicht ganz klaren Anordnung dieser Elemente entstehen dadurch Unverständlichkeiten. Wieso wird mir genau das erzählt? In welcher Relation werden die verschiedenen Zugänge zueinander gestellt? Wie verhalten sich gruselig intendierte Alptraum-Sequenzen zu Sprachwitzen? So reiht sich unkommentiert eine Pyjama-Schlacht an eine nächtliche SMS-Streiterei. Diese Kette an Anekdoten hält irgendwie nicht zusammen — und folgt aber auch nicht dem sich verwehrenden Zusammenhang einer Traum-Logik. Vor dem Eindruck des unentschiedenen Konzepts stellt sich trotzdem die Frage nach der Qualität der einzelnen Szenen, von denen nun zwei problematische sowie zwei besonders starke Szene erwähnt werden.

Problematisch ist die Verknüpfung des Märchenstoffs “Die zertanzten Schuhe” mit den Bewegungselementen. Im Märchen entfliehen die Königstöchter nachts dem Schloss, um die Nacht wie in einem Rausch wild durchzutanzen. Auf der Bühne lassen die Spielenden Tücher durch die Luft fliegen und hüpfen für eine kurze Zeit im Raum umher. Beim Abgang wird eine tanzende Spielerin von einem Spieler am Rande der Bühne abgefangen. Beide straucheln wie bei einem Tackle im American Football und gehen so ab. Was bedeutet dies? Ist der plötzliche und gewaltige Zusammenstoß mit einem Spielenden ein Kommentar zum Inhalt des Märchens — die Eskapation der Königstöchter wird von männlichen Protagonisten letztlich untergraben? Oder versinnbildlicht dieses Bewegungselement das plötzliche Beenden des Traums durch die brutale Wirklichkeit? Oder bedeutet dieser Moment vielleicht gar nichts? Zu beliebig und schnell geschehen solche Details, als dass sie sich in einer Relation zueinander stellen lassen oder auf eine Intention verweisen können.

Im Gegenteil dazu wird überdeutlich eine Alptraumszene gestaltet. Bereits vor Beginn der eigentlichen Szene kündigt eine Spielerin schon die Horror-Vorstellung an, sie könne beim Schlafwandeln die eigene Schwester töten. Es ist ein beängstigender Gedanke, im Schlaf sein Bewusstsein nicht kontrollieren zu können. So angedeutet, vermittelt sich ein beklemmendes Gefühl. Nach einem Umbau des Bühnenbildes formiert sich das Ensemble geschlossen um ein verhängtes Bett. Alle sprechen einen Text. Sie erzählen von einem Mädchen, das wie im Traum durch das Haus geht, einen verbotenen Gang wählt und vor einer im Kinderbett liegenden “perfekten Puppe” stehen bleibt. Schnell wird klar: Es handelt sich um den Schwesternmord. Anstatt auf diesen Effekt zu vertrauen, wird weiter erzählt, wie das Mädchen die vermeintliche Puppe mit dumpfen Knallen aus dem Bett zieht und die Treppe hinunter schleift, bis in eine Runde Erwachsener, aus der die Mutter voll Entsetzen auf die Puppe schaut. Auch das wird überboten: Es öffnet sich der Kreis der Spielenden. Das Publikum blickt auf ein Standbild, in dem eine Spielende eine auf dem Boden verdreht liegende Spielerin am Knöchel hält. Auch die visuelle Verdeutlichung wird ergänzt, indem die eine Spielerin sich flehend der anderen zuwendet, “ Klara? Klara?”. Eine solche Übermarkierung einzelner Elemente wirkt erdrückend. Mir kommt es dabei vor, als vertraue man mir als Zuschauerin nicht genug.

Andere Szenen sind großartig unterhaltsam und auf subtile Weise komplex. So beschwert sich beispielsweise eine Spielerin über ihre “unterentwickelten Träume”. In ihrer sprachwitzigen Rede schwingt unterschwellig der Wunsch mit, im Traum ungehindert etwas Ersehntes zu erleben. Durch eine einfache Andeutung öffnet sich ein ganzer Raum, in dem Träume doch mehr sind als nur bebildeter Schlaf. Was genau Träume aber sind, kann nicht begriffen werden. Träume verweisen auf etwas Tieferes. Der Wunsch nach Träumen ist auch ein Wunsch, die eigene Persönlichkeit zu erweitern. Darin liegt eine Einsicht formuliert, die auf diese simple Weise eindrücklich auf die Bühne gebracht wurde.

Ebenso ungewöhnlich und stark ist die Adaption der Prinz-Szene, in der die Prinzessin ihre neu erküsste, sexuelle Freiheit doch lieber für sich selbst bestimmen möchte. Sehr humorvoll wirkt hier das Ensemble zusammen: “Wir sind die Hecke”! Die ganze Szene lebt vom Bruch zwischen dem ironischen Spiel des vermeintlichen Prinzen-Paars und dem ästhetisch ansprechendem Standbild der mitspielenden Hecke. Auch dank der starken Textvorlage nehmen sich hier die Spielenden nicht allzu ernst und brechen mit den tradierten Traum-Narrativen. Dankbar wirkt hier jedes Detail zusammen, wie beispielsweise die Sonnenbrille des Prinzen, die an den Pop-Song “Sunglasses at Night” erinnert: “I wear my sunglasses at night, so I can, so I can / Watch you weave then breathe your storylines”.

Es ist ein schöner Satz, der in der Aufführung fällt: “Niemand kann sich sicher sein, ob er schläft oder wach ist”. Eingelöst wird der Satz aber nicht konsequent, denn das Stück macht es dem Zuschauer nicht leicht, ins Träumen zu kommen.

Foto: Dave Grossmann