LATE IN THE NIGHT:
DIE NIGHT VOR DER
LATEINARBEIT

von Fine Riebner

Nacht. In Pyjamas besetzen die Remscheider*innen die Bühne. Sie nehmen diverse Schlafpositionen ein, eine singt “Schlaf, Kindlein, Schlaf”, ein anderer liest ein Märchen vor, zwei Spielerinnen inszenieren eine Kissenschlacht.

Das Stück beginnt mit einer Szene, in der plakativ klargemacht wird, dass es sich hier um Einschlafsituationen handelt. Was mich ein wenig amüsiert, da Einschlafszenarien bei mir eher selten bis nie so aussahen. Pillow fights: Sowas ist für mich ein Mythos aus amerikanischen High-School-Chick-Flicks.

Aus dem Off schallen schimpfende Elternstimmen und unterbrechen die Szenerie: Die Jugendlichen sollen sofort ins Bett, sonst gibt’s Ärger, sonst (hochdramatisch!) muss der Strom, den das Licht nachts verbraucht, selbst gezahlt werden! Absurdität pur.

Als nächstes werden typische Tipps gegen Schlaflosigkeit verkündet, über die in Lifestyle-Magazinen oder z.B. bei den GMX-Nachrichten gelesen werden kann. Feng-Shui, Yoga, Schlaftees. Die Karikatur eines Arztes schmeißt mit Schlaftabletten rum – die obligatorische Psychopharmaka-Kritik. Ein Grabbeltisch aus Reproduktion von dem, was zum Thema Einschlafen so populär ist. Eine Collage, zusammengesetzt aus bekannten Bildern. All das hätte Ironie oder vielleicht eine surreale Traumatmosphäre erzeugen können, à la Science of Sleep. Aber irgendetwas funktionierte nicht.

Vielleicht, weil ich alles als vorhersehbar empfinde, da ich auf so viele Stereotype treffe: Natürlich erzählen die Spielenden von Hausaufgaben, schlechten Noten und Leistungsdruck als den Gründen für ihr nächtliches Wachliegen. Was sollten Jugendliche auch sonst für Sorgen haben? Natürlich geht es im nächsten Schritt um romantische Beziehungen — because the night belongs to lovers — darum, dass ER nicht schreibt, dass SIE an IHN denkt. Natürlich wird als Bild für die ultimative romantische Zweierbeziehung Romeo und Julia verwendet.

Was war wohl das Ziel des Stückes, habe ich mich später ganz banal gefragt. Anhand des Schlaf-Motivs Geschichten über die Lebensrealität von Jugendlichen im Jahr 2015 zu erzählen? Ein szenischer Brainstorm zum Thema, quer durch alte Literatur, modernes Theater und aktuelle Medien?

Manchmal, hatte ich den Eindruck, ging es einfach nur darum, möglichst treffsicher bestimmte Effekte zu erzeugen. Plötzlich scheint grünes Licht auf (#spooky), alle sind mit einem Mal schwarz gekleidet (#düster), einer qualmt E-Zigarette (#verlottert) und die Spieler*innen performen eine stilisierte Gewaltakt-Choreographie (#whynot). Solche Bilder sind für mich so klischiert, das sie nicht wirken. Viel lieber würde ich persönliche Zugänge erfahren wollen, die vielleicht nicht so cool aussehen, aber dafür besonders sind. Der Stil des Stücks erinnerte mich an einen Versuch, sich postmodernes Theater anzueignen, Theater, wie es zum Beispiel Falk Richter macht. Das an sich ist kein Grund zur Kritik, ich selber finde sowas ja auch cool. Aber für mich driftete das Stück gestern zu sehr in Beliebigkeit und reine Atmosphäre ab. Was sollte der eingespielte englische Text von Haruki Murakami bewirken? Warum wurde ein Textauszug aus Falk Richters Trust ausgewählt, in dem eine 40-jährige Frau über ihre langjährige Beziehung erzählt?

Technisch war das alles super gut gemacht. Die Chöre und Choreographien waren gut eingeübt, alles hat reibungslos funktioniert. Und hätte ich so viele Bilder nicht als klischee-behaftet oder teilweise auch kitschig wahrgenommen (zum Beispiel, als zwei Liebende versuchen, sich zu berühren, aber von anderen zurückgehalten werden), hätte ich mich an vielen Stellen gut unterhalten gefühlt.

So aber wirkte das Gesagte auf mich zu oft leer, die Sprechenden beinahe austauschbar.

Was dabei herauskam, klang ungefähr so. “Es ist viertel nach eins. Ich stehe nachts am Fenster und schaue raus und alles ist still.” Oder: “Morgen wird nichts mehr so sein wie gestern.” Hatte es eine Bedeutung, wer wann etwas gesagt hat?

Außerdem fehlte mir der Kontakt zwischen spielender Person und Gespieltem. Der Eindruck war hier der von Steifheit, die Körperhaltungen, die Stimmen wirkten, als wären es nicht die eigenen. Lag das vielleicht an den ungewohnten Räumen, dem neuen Spielort? Oder hatte es etwas mit der Textauswahl zu tun? Im Programmtext wird das Wort “Mindmap” erwähnt. Und so kam es mir auch vor: Viele Bilder werden aufgemacht, aber irgendwie bleibt alles auf der Oberfläche, nirgends geht es in die Tiefe. Ich habe einfach nicht gespürt, was es war, das die Remscheider mir erzählen wollten. Ich habe keine Dringlichkeit gespürt.

Foto: Dave Grossmann