LATE IN THE NIGHT:
DIE LAMPEN DER LOGIK
AUSGEKNIPST

von Robert Stripling

Die Bühne, simpel eingerichtet; bläulich beleuchtet, ein Seidenvorhang davor; ein Bettgestell, einige Sitzquader. Links ein Klavier. Die Spieler*innen in Pyjamas, Kissen daneben. Was mich von Beginn an fasziniert, ist das Thema: Es geht um Schlaf. Die Spieler*innen des EMAtheaters aus Remscheid sprechen über Schlaflosigkeit; über Hilfsmittel und Methoden des Einschlafens. Ein mephistoähnlicher Scharlatan ruft medizinische Tipps ins Publikum, den Schlaflosen wirft er Pillen zu. Streitende Elternstimmen halten die Schlaflosen wach. Von Anfang an fügen sich mithilfe von Musikelementen (Klavierspiel mit chorischen Unterbrechungen, Sound-Einspielungen, etc.) oder choreographischen Abläufen die Szenen in einen traumartigen Fluss.

Was ich sehe, ist ein Traum: Die Inszenierung folgt von Beginn an einer Traumlogik, die nicht erklären will, weshalb ein Bild von den Spieler*innen gebaut und wieder verworfen wird. Was schlummert da für ein Phänomen – worum geht es hier wirklich?

Es geht um mehr als Schlaf. In dem Spannungsverhältnis zwischen den Zuständen des Schlafs, den Träumen einerseits und dem Wachsein andererseits, scheint sich mehr zu verbergen, als nur die einfach auf der Oberfläche liegende Thematik “Schlaf”. Ich bin berührt von der bedrohlich halb gesprochenen, halb gesungenen “Sandmann”-Melodie, die ich noch kenne oder während der Vorstellung erinnere. Habe ich sie schon einmal in  dieser bedrohlich konnotierten Weise gehört? Das Kind in mir kennt da noch etwas; was genau? Will plötzlich hinterfragen, was es heißt, wenn “der Sandmann kommt”. Was heißt es, schlafen zu gehen?

“Late in the night…”, die titelgebende Zeile ertönt schließlich aus den Lautsprechern; aus dem Text “After Dark” von Haruki Murakami. “very late at night”, heißt es da “after the lamps of logic have been snuffed and rationality has shut its eyes, life on earth becomes boundariless and blurred.”

Die Lampen der Logik sind tatsächlich ausgeknipst. In den szenischen (Un-)Bewusstseinsstrom weben sich persönliche Geschichten der Spieler*innen. Deshalb bleibt bei mir zunächst vor allem der Eindruck zurück, einen unterhaltsamen Abend erlebt zu haben. Erst danach bemerke ich wie beiläufig, dass die Spieler*innen aus ihrer Lebenswelt berichtet haben. Hierfür wird aus diversem textlichem Material geschöpft – nicht im Fokus steht, die Geschichten auszuerzählen. Vielmehr geht es darum, aus dem Ensemble heraus eine gemeinsame Atmosphäre zu erzeugen und einem Tempo zu folgen: starke chorische Arbeit, die zeigt, wie homogen und bewusst die Gruppe eine gemeinsame Spannung tragen kann. Die surreale Bilderwelt, die daraus kreiert wird, wirkt wie ein Traum, dessen “Anwesenheit” insofern merkwürdig wirkt, als dass das Publikum – im Regelfall – wach ist. Aus dem Spannungsverhältnis von Schlaf und Wachsein ergibt sich ein dialektische Triebkraft.

“Der Sandmann kommt” – die germanische Mythengestalt. Bei den Griechen waren es die “Oneiroi”, die personifizierten Träume, die dem Gott des Schlafes, “Hypnos”, nahestanden. Dieser wiederum war ein kleiner Bruder des Todesgottes “Thanatos”. Sehe ich ein Todesstück? Geht es um Abschied? Wer über das Einschlafen spricht, spricht gleichsam über das Sterben – Sätze wie “Der Sandmann kommt” lenken in ihrer Einfachheit den Blick auf das, was unvermeidlich eintreten wird und die Augen trübt: der Tod. Die Schauernovelle Hoffmanns eröffnet einen Furcht-Raum, in welchem auch eine Angst vor dem Sterben mitschwingt. Im Hintergrund stellen mehrere Schauspieler*innen eine Revolvertrommel dar, sie drehen sich als “Russisch Roulette”. Auch das Sterben im kleinen aber durchzieht das Stück – der Abschied von den eigenen Eltern, vom wachküssenden Prinzen, der dann doch nicht der erwünschte ist.

“Eine Wachsamkeit schläft ein”, heißt es bei Jean-Luc Nancy ,“denn es kann, per Definition, allein die Wachsamkeit einschlafen. Allein das Wachen kann dem Schlaf weichen, und die gewahrte Wachsamkeit hat sich den Schlaf verwehrt, sich der Schläfrigkeit erwehrt. Die Wache muss gegen den Schlaf kämpfen, wie Aischylos’ Wächter es tut, wie Christi Gefährten es vergessen.”

Vor dem kulturhistorischen Feld der Begriffe Schlafen und Wachsein hat das Ensemble des EMAtheaters einen großen Assoziationsraum eröffnet. Größer als die eigentliche Inszenierung war dieser Raum. Etwas mehr Zeit jedoch für die Entfaltung einiger Szenen hätte “Late in the night…” gut getan.

Foto: Dave Grossmann