Lasst uns diskutieren.

Vom Zuhören, Nachempfinden und Hinterfragen

Neben Zuschauen, Workshops, Connecten und ganz viel Essen sind auf diesem Festival Diskussionen über Theater von großer Bedeutung. Die Jury achtet schon bei der Auswahl nicht nur auf die Inszenierungen selbst, sondern auch darauf, was die Spieler*innen in Gesprächen zu sagen haben. Das eigene Bühnengeschehen umfassend und differenziert zu reflektieren, ist nicht selbstverständlich und muss von allen (auch von Spielleiter*innen) gelernt werden. Wir alle werden auf diesem Festival unzählige Male nach unserer Meinung gefragt: Stimmen zum Stück, Mimik zum Stück, an der Bar von Bekannten, in kleinen Nachbesprechungen und spätestens am nächsten Tag um 17:00 Uhr in den Gesprächskreisen. Wir werden mit anderen Stimmen konfrontiert, die unsere Meinungen beeinflussen.

Das geeignetes Format für die Gesprächsrunden beim TTJ zu finden, ist ein gemeinsamer Prozess. Jede Personengruppe, in welcher Konstellation auch immer, bringt eine eigene Gesprächsdynamik mit sich. Unsere Positionen und Argumentationsketten sind tagesformabhängig.

Natürlich möchte man oft direkt mit den Schauspieler*innen über Vorgehensweisen im Probenprozess sprechen, um die primär intendierte Darstellung in Erfahrung zu bringen. Das verhindert allerdings, dass Interpretationen aufkommen, die von den Ensembles nicht vorgegeben wurden. Das Gespräch ist für beide Perspektiven da: die Zuschauer*innen und das Ensemble. Das Ensemble erfährt durch die Beschreibungen und Thesen der Zuschauer*innen, wie das Geschehen auf der Bühne von außen wahrgenommen wird. Diese Perspektiven können hilfreich sein für die Arbeit an neuen Stücken, wir „erweitern unseren Horizont“. Das Zuhören, Nachempfinden oder Hinterfragen von Positionen fordert von uns hohe Konzentration, um auf der gleichen inhaltlichen oder dramaturgischen Ebene diskutieren zu können.

Moderator*innen sollten Diskussionsimpulse geben, Äußerungen paraphrasieren und kritisch hinterfragen. Sie sollten eher Neutralität in der Diskussion ausstrahlen, um das Meinungsbild möglichst divers einzufangen.

Ich finde es sehr wertvoll, dass auf diesem Festival eine kritische Gesprächskultur zu den Grundbausteinen gehört. Hier können wir üben, ästhetische Erfahrungen zu verbalisieren und mit ihnen zu argumentieren. Es ist eine langjähriger Prozess, die Balance zwischen kritischer und fairer Argumentation, zwischen subjektiven und nicht zu persönlichen Gedanken zu finden. Ich habe zwar schon an vielen Diskussionen teilgenommen, manche sogar geleitet, und lerne trotzdem jedes Mal dazu.

 

Das sagen die Gesprächsleiter*innen Nils und Laura:

Wie bereitet ihr euch auf die Diskussionen vor?

Nils: Wir als Gesprächsleiter*innen besprechen uns jeden Tag zum Stück und formulieren Fragen oder Thesen, die möglicherweise spannend wären zu diskutieren. Es kann vorkommen, dass manche Fragestellungen den Gesprächsteilnehmer*innen als weniger wichtig wahrgenommen wird. Wir reagieren natürlich auch auf die Themen, für die sich die Teilnehmenden interessieren.

Wie neutral verhaltet ihr euch in den Gesprächskreisen?

N: Sehr neutral. Gestern musste ich allerdings wirklich einmal eine Frage mit „Ey Leute, ich hab das so ganz anders gesehen“ eingeleitet, um wirklich den Unterschied zwischen meinem Blick und deren Blick zu unterscheiden, und die haben mir dann auch null zugestimmt. Eigentlich versuche ich Statements zu vertiefen: „Was fandest du gut dran?“, „Wie meinst du das?“, „Kannst du das genauer beschreiben?“

Laura: Ich sehe das ähnlich. Ich warte aber erstmal, welche Meinungen schon gesagt werden und wenn meine dabei sind, halte ich mich zurück. Manchmal, wenn eine These in meine Richtung geht, ich aber noch nicht zufrieden bin, versuche ich weitere Fragen reinzugeben.

Wie wichtig findet ihr es, die Spieler*innen zu Wort kommen zu lassen?

L: Schon wichtig, allerdings beschreiben die Teilnehmer*innen zunächst ihre Sichtweisen und diskutieren sie im Anschluss. Die Schauspieler*innen kommen dabei nicht zu Wort, sie dürfen erst am Ende der Diskussion reagieren.

N: Das ist auch so ein Rahmen, den wir schon seit Jahren anwenden. Wir versuchen dabei relativ streng zu sein, damit die Ensemblespieler*innen nicht direkt das gesamte Stück erklären, interpretieren und Lösungen vorgeben. Die Zuschauer*innen sollen eigene Deutungsansätze für Symbole, für Bilder auf der Bühne finden, damit das Rätsel nicht sofort aufgedeckt wird. Klar, das gefällt manchen nicht so gut, lange nichts sagen zu dürfen oder nicht direkt eine klare Antwort zu bekommen. Es ist manchmal auch schwer, sich Meinungen anzuhören und erstmal beschreiben zu lassen oder man möchte direkt antworten, sich erklären oder auf Kritik reagieren. Das ist nicht immer angenehm, aber das fördert die Diskussion.