KRITISCHE MASSE:
Klar, aber.
Keine Rezension –
ein O-Ton zur Form

von Lydia Dimitrow

Klar, das Stück war gut gemacht. Die Spielerinnen haben gut gesprochen, sich gut bewegt, hatten gute Kostüme an, und irgendwie sah alles gut aus. Und die Auseinandersetzung mit genau diesem Thema (Weiblichkeit, Körper, Feminismus) finde ich wichtig, als Frau, als junge Frau, als Mann, als alle. Und sie haben das klug gemacht. Sie erzählen von sich, intime Anekdoten, zitieren Kulturanthropologen und andere Experten, einschlägige Texte, wichtige Namen; es gibt Stellen, an denen herzhaft gelacht wird, es gibt Stellen, an denen alle ganz still sind, es gibt Stellen, an denen alle rufen: “Genau!” und klatschen. Und am Ende gehen alle Frauen aus dem Stück mit diesem Yeah-Gefühl. Nur ich nicht. Irgendwie. Klar, das Stück war gut gemacht. Und trotzdem hat es mich vor lauter Gut-Gemachtheit merkwürdig unberührt gelassen.

Das lag zu einem großen Teil an der Form, für die die “Aktionisten*innen” vom Gorki-Jugendclub sich entschieden haben. Mal ganz ehrlich: Wie oft haben wir genau diese Art von Jugendtheater schon gesehen? Ich finde das ja auch toll, diesen Ansatz mit den Stückentwicklungen, diese Art, kollektiv Geschichten zu erzählen und Assoziationscollagen zu schaffen. Damit die Jugendlichen sich selbst einbringen können, ihre Geschichten, ihre Talente, ihre Ängste. Damit sie von sich erzählen können anstatt von einem depressiven Prinz in Dänemark. Das macht ja auch Sinn! Auch, dass man kein klassisches Rollentheater betreibt. So kann jeder mal was sagen, alle sind immer dabei; das stärkt den Gruppenzusammenhalt und die Persönlichkeit. Man braucht ja einen Lars Eidinger nicht schon im Jugendtheater, das stimmt! Außerdem werden Texte bei diesem Ansatz zu Flächen, mit denen man ganz anders arbeiten kann, als wenn man die uninteressante Geschichte XY von A bis Z erzählt. So wird ganz nebenbei vermittelt, was Literatur und Textinterpretation alles sein kann. Und das finde ich als Literaturwissenschaftlerin schon mal grundsätzlich gut. Dass diese Art von Kollektivproduktion im Jugendtheater einen festen Platz gefunden hat, verwundert also überhaupt nicht, sondern hat, im Gegenteil, einfach seine Berechtigung.

Ich bin seit 2008 in der FZ-Redaktion und habe aus diesem Grund schon viele Stücke gesehen, die in dieser Form arbeiten. Viele von diesen Stücken haben mir auch wirklich gefallen. Aber gestern habe ich mich gefragt: Wenn man schon so gute Spielerinnen an der Hand hat – geht da nicht noch mehr? Geht da nicht auch mal was Neues? Dass alle zusammen stehen, in einer Gruppe rechts am Bühnenrand oder ganz hinten in einer Reihe, dass dann eine nach vorne tritt und eine Geschichte erzählt (wie sie das und das erlebt hat, was für sie Schönheit bedeutet etc.), das hat man schon so oft gesehen, das wirkt plötzlich so abgenutzt, dass bei mir kaum noch ankommt, was eigentlich erzählt wird. Und das kommt deswegen nicht mehr an, weil es so übertüncht wird von zig unmotivierten Bewegungen durch den Raum. Ob nun nach rechts gezuckt wird oder nach links marschiert, eine aufsteht oder eine sich hinsetzt – ich frage mich so oft, was das alles genau soll. Woher die Impulse kommen. Und meine These ist: Da kommen gar keine Impulse. Da ist nur eine ziemlich präzise Vorstellung von einem Produkt, das am Ende gut aussieht, und vielleicht sieht das sogar gut aus, aber mich lenkt die Beliebigkeit in all dem so ab, dass sich die Ästhetik schlicht leerläuft. Oder selbst in den Schwanz beißt. Oder so was.

Die Spielerinnen schreien zusammen, sie lachen zusammen, sie laufen zusammen durch den Raum – natürlich – und machen ständig alle dasselbe, nur jede ein bisschen anders. Wenn sie die Stellen an ihrem Körper zeigen, machen sie das alle, nur jede zeigt eine andere Stelle. Wenn sie sich kratzen, kratzen sie sich alle gleichzeitig, nur jede woanders. So entstehen Pseudobilder wie dieses: Eine lehnt an der Wand, drei sitzen auf dem Boden, drei auf Stühlen, drei stehen, und jede hat ihre ganz eigene Pose. Das springt mir direkt ins Gesicht und schreit: Guck mal, ich bin ein Bild! Aber was denn bitte für ein Bild? Was soll denn dieses Bild erzählen? Und wenn es Natürlichkeit erzählen soll (denn alle sitzen und stehen ganz lässig), dann erzählt sich das nicht, weil im echten Leben (oh ja!) niemals zehn Personen zufällig in ganz unterschiedlichen Posen auf drei verschiedenen Ebenen rumhängen.

Und auch das kennt man aus dem Jugendtheater: dass gespielt wird, dass nicht gespielt wird. Wenn eine vorliest, die andere übernimmt das Buch, und die erste zeigt wiederum  dieser – ganz natürlich – die richtige Zeile im Text. Oder, der Klassiker: Eine nimmt der anderen das Mikro weg und sagt: “Ich glaub, wir müssen noch mal ganz anders anfangen.” Klar kann das seinen Charme entwickeln. Aber: Die Illusion funktioniert nicht mehr. Wir alle wissen, dass dieser Moment geplant und geprobt ist (“Kann ich mal Licht haben?”), und das liegt daran, weil wir alle solche Momente schon hundertmal auf (Jugend-)Theaterbühnen gesehen haben. Diese Pseudo-Authentizität erstickt dann die echt authentischen Momente, die “Kritische Masse” durchaus schafft. Den Spielerinnen gelingt es, fast durchgängig ihre Geschichten mit großer Natürlichkeit zu erzählen, und deswegen sind so viele an diesem Abend so berührt: Wenn es darum geht, wie man schön nackt im Bett liegt (gar nicht so einfach!), oder wenn es um die Narben geht, die uns das Leben zufügt, die schön sein können, lustig und beängstigend.

Nur wird diese Natürlichkeit (Chapeau!) so weggefegt, wenn der Spaziergang durch den Wald verdreifacht wird (Welchen Mehrwert bringt das?) oder “die Große” ihre Geschichte kaum erzählen kann, weil sie immer wieder von “der Kleinen” unterbrochen wird. Unterbrochen allerdings mit dem Text “der Großen”. Wie kann das sein? Welche Figur spielt dann “die Kleine”? Warum wird der Text so aufgeteilt?

Ich will nicht mit Effekten erschlagen werden, die ohne Wirkung bleiben, auch, weil man sie schon so oft gesehen hat (zum Beispiel Mädchen auf Bühnen, die sich selbst und gegenseitig eine Ohrfeige geben). Ich brauche eine Motivation aus dem Text, aus der Figur, aus einer Stimmung heraus, denn dann entstehen Effekte, die in mir etwas auslösen. So zum Beispiel, wenn die “Aktionisten*innen” immer wieder wunderschön aus dem aufsteigenden und niedersinkenden Magnesiumstaub (bevor sie in den Ring steigen) ein Bühnenbild bauen, ein Bühnenbild aus Nichts, Licht und weißem Staub. Das waren meine Lieblingsmomente im Stück, wenn diese weißen Wolken über die Bühne rieselten und mir einen Eindruck davon gegeben haben, welche Poesie in diesem Ensemble steckt.

Foto: Dave Grossmann