KRITISCHE MASSE:
AN DER SCHWELLE

von Sebastian Meineck

Wann gibt es eigentlich eine Kettenreaktion? In der Physik spalten sich Atome von alleine weiter, wenn das spaltbare Material groß genug ist. Dieser Schwellenwert ist die kritische Masse. Das gleichnamige Theaterstück vom Jugendclub am Maxim Gorki Theater Berlin hat sich auf die Spur dieses Schwellenwerts begeben. Es geht um den Moment, ab dem eine Kettenreaktion unvermeidbar ist.

Elf junge Frauen starren das Publikum an, zehn Sekunden, vielleicht länger. Gerade lange genug, dass sich die Spannung nicht mehr halten lässt und der eine oder andere Zuschauer unwillkürlich an etwas anderes denkt. Plötzlich stürmen sie brüllend auf das Publikum zu und in den Zuschauer-Reihen zuckt so mancher erschrocken zusammen. Die Kettenreaktion hat begonnen. Die in Bewegung versetzten Körper taumeln synchron über die Bühne, von links nach rechts, als wäre die Bühne eine schiefe Ebene und die Schauspielerinnen schwere, rollende Kugeln. Physik wird Theater. Aus dem Begriff der kritischen Masse wird eine Choreographie.

Aber “Kritische Masse” ist kein Tanztheater. Die Physik des Schwellenwerts gibt dem Stück nur seine Form. Der Inhalt ist ein politisches Statement, schließlich nennt sich das Ensemble auch “Die Aktionist*innen”. Sie machen sich stark für die Wünsche und Probleme junger, westlicher Frauen. Sie machen mobil gegen Vorurteile, überkommene Rollenbilder und Sexismus.

“Sex hat mir noch nie Spaß gemacht!”, ruft eine Aktionist*in ins Publikum, und stellt klar, dass mit ihr trotzdem alles in Ordnung ist. “Ich trage meine Haare nicht, um gut auszusehen!”, ruft eine andere und führt vor Augen, wie oft das Äußere der Frauen hierzulande als sexuelles Statement wahrgenommen wird – ob sie wollen oder nicht. “Ich kann nicht mit meinem Freund über Probleme reden, wenn er mich dabei auf seinen Schoß zieht!”, ruft eine dritte – und zeigt, wie man auch mit Zärtlichkeit bevormunden kann.

Die Probleme sind bekannt, aber die intimen Geschichten berühren. “Kritische Masse” will überzeugen und aufklären – schon in seiner Form ist das Stück dazu angelegt. Denn kritische Masse ist auch ein Begriff aus der Spieltheorie: Der Theorie zufolge muss man nicht eine gesamte Gruppe von einer Strategie überzeugen. Es müssen nur genug Leute sein und die Strategie setzt sich von alleine durch.

Kann “Kritische Masse” sein Publikum überzeugen? Eine Schauspielerin erzählt vom Gefühl, nackt neben dem Freund zu liegen und sich dabei für die eigenen Brüste zu schämen. “Oh mein Gott, es stimmt!”, raunt jemand in der siebten Reihe. Nach dem Stück erzählen sich einige junge Zuschauer gegenseitig, dass sie jetzt ganz anders über ihre Freundinnen denken. Die Botschaften der Aktionist*innen kommen an. Nur ist ein Theater-Publikum wohl zu klein, um eine kritische Masse zu bilden.

Foto: Dave Grossmann