KRITISCHE MASSE:
ALL OVER THE PLACE

von Fine Riebner

Das hier ist eine Rezension, so gesehen. Es ist meine Reaktion auf das Stück. Es geht viel zu viel in mir vor, dass durch mein Erlebnis von dem gestrigen Abend entstanden ist. Ich versuche erst gar nicht, meine Gedanken zu ordnen. Also eine Art Gedankensammlung. Eine Rezension, die gern scheitert. Die von sich erzählt.

1.

Und dieses Gefühl, dass ich jetzt mal Empowerment nenne. Also das Gefühl. Dass endlich mal was ausgesprochen wird. Was einen beschäftigt, sich zu trauen. Sich nicht zu schämen. Nicht alleine zu sein. Ne Stimme kriegen. Sich cool und stark zu fühlen und kräftig und voller Energie. Ja!

2.

Aufgebaut werden und andere Menschen aufbauen. Dinge gemeinsam tragen. Und Solidarität! Bei mir war es vor allem der Moment, als ich neue Wörter gelernt habe. Wörter, die ich vorher nicht kannte. Als ich plötzlich Namen hatte. Namen, für Dinge, die ich irgendwie gefühlt habe. Aber nicht benennen konnte: Normen. Misogynie. Patriarchat. Internalized oppression. Fatshaming. Bodyshaming. Male privilege. Mansplaining. Sexualisierung. Silencing. Derailing. Objektifizierung. Queer theory. Binär. Nicht-binär. Cis und Trans. Grenzüberschreitungen. Body image. Male gaze…

3.

Dann das erste Mal. Sich trauen zu versuchen. Etwas zu sagen. Wütend zu werden. Versuchen, kritisch zu sein. Unangenehme Dinge anzusprechen. Gefühle preiszugeben. Und dann! Mit Reaktionen umgehen. Dass man lächerlich gemacht werden kann. Kack-Emanze. Hysterisch. Drama-Queen, Übertreiberin!

4.

Und dann sich immer wieder erklären. Warum sich das scheisse anfühlt. Warum etwas wehtut. Warum man sich unwohl fühlt. Immer wieder. In Rechtfertigungsposition.

5.

Und dann aber die Momente. Wenn man entdeckt, dass ich mit meinen Erfahrungen, Gefühlen und Gedanken nicht alleine bin. Als ich Menschen, Frauen*, Gruppen, Blogs, Videos kennengelernt habe. Wo Dinge ausgesprochen werden. Der Moment, wo eins plötzlich eine Stimme kriegt. Eine Stimme, die es vorher nicht gab. Wie ein ganzes Universum.

6.

Wieviel Energie ich benutze. Um darüber nachzudenken. Wie ich dünner werden kann. Wie ich Diät machen kann. Wie ich irgendwie. Abnehmen kann. Mehr Sport. Dünner aussehen. Sich das so sehr wünschen. Ständig darüber nachdenken. Vor dem Spiegel stehen. Sich Fotos von sich angucken. Sich dünne Körper angucken und BMIs ausrechnen und low carb. Und als ich dann zum ersten mal von RIOTS NOT DIETS gehört habe. Zu versuchen, diese ganze scheiß Energie, die dafür draufgeht, für was anderes zu verwenden. Für was anderes. Aber dass es auch okay ist, wenn das nicht klappt. Zu akzeptieren. Dass das ein Teil ist von mir. Das ewige Dünn-sein-wollen.

7.

Politisches Theater. Wenn Dinge politisch sind. Ich hab das Gefühl. Dass das Wort politisch oft negativ besetzt ist. Dass EINS bloß nicht sagen möchte, dass irgendetwas politisch ist. Oder politisch sein muss. Eigentlich ist aber – alles politisch. Meine Gefühle. Können. Von politischer Bedeutung sein. Dass ich das selber oft vergessen habe. Dass, wenn EINS über Sexismus, Rassismus, Heteronormativität, Klassismus etc. pp. redet, dabei vergisst und vergisst. Wenn EINS es runterbricht. Es immer um die Gefühle einzelner Menschen geht.

8.

Dass Menschen sich unwohl fühlen. Oder Angst haben, was zu sagen. Darum, dass Menschen systematisch, aufgrund irgendwelcher Kategorien, verletzt werden. Oder gesilenct.

9.

Als ich meine ersten Erfahrungen mit Sexismus gemacht habe, wusste ich nicht, was Sexismus ist oder dass das Sexismus ist. Ich wusste ja auch nicht, dass ich in diese Systeme reingeboren bin. Als ich angefangen habe, mich feministisch zu bilden. Und zu empowern. Wusste ich nicht mal was Feminismus ist. Oder dass das vielleicht Feminismus ist. Was ich mache. Später lernen, dass es nicht DEN Feminismus gibt. Dass es viele Feminismen gibt. Viele Feminismen.

10.

Dass es nicht nur um Wörter oder Handlungen einzelner Menschen geht. Sondern um Systeme. Systeme, die überall sind. Draußen und in uns selber. Und dann Menschen, die sich niemals als Feministin bezeichnen würden. Weil: ieeh Feminismus! Iieeh Emanzen! Was dann andere über einen denken. Weil EINS außerdem auch gar nicht den Feminismus meint, den die meinen. Und dann: Was ne coole Aktion, wenn Beyoncé bei den VMAs 2014 das Wort feminist reclaimt.

11.

Scham. Sich schämen, dass es Normen gibt. In die EINS nicht reinpasst. Dass es Normen gibt. Die EINS scheisse findet. Sich schämen, dass EINS alles dafür tun würde. In diese Normen reinzupassen. “Mich regt das alles auf, aber ich will es trotzdem”.

12.

Weil dann alles besser wäre? Weil EINS dann dazugehören würde oder beliebt sein würde? Oder geliebt werden würde? Oder erfolgreicher sein würde? Oder bewundert und anerkannt? Sich schämen, dass es Normen gibt, denen EINS entspricht, und, dass EINS daraus willkürlich Vorteile kriegt, die anderen weggenommen werden. Sich schämen, dass EINS selber mitmacht und selber Teil der ganzen Scheiße ist. Sich schämen, dass EINS nicht genug macht, dass EINS Fehler macht, dass EINS zu leise ist. Sich schämen, dass EINS zu laut ist, zu kritisch. Andere nervt. Immer alles zu ernst nimmt. Sich schämen für Sexualität. Oder andere Frauen als “Tussis” oder “Schlampen” abwertet. Viel später dann Missy Elliott feiern.

13.

Girl, girl, get that cash

If it’s 9 to 5 or shakin’ your ass

Ain’t no shame, ladies do your thing

Just make sure you’re ahead of the game

 

Foto: Dave Grossmann