Koks, Konfetti und ein König – Rezension zu „real fake“

Zuerst ganz schlicht und plötzlich Party: „real fake” vom Import Export Kollektiv am Schauspiel Köln

In unserer Gesellschaft zu leben, bedeutet heutzutage häufig Täuschung und Ent-Täuschung.  In dem Stück „real fake“ vom Import Export Kollektiv am Schauspiel Köln wird damit gespielt, die Rollen werden getauscht und Situationen nachgestellt,  und am Ende kulminiert alles in einer pompösen Parade aus Absurdität und Vielfalt.

Die Räume und Möglichkeiten, die eine Bühne bietet, werden einfallsreich von den Schauspieler*innen genutzt, sodass das Publikum auf vielen Kanälen Input bekommt: Es gibt Tanzeinlagen, Gesang, eine Leinwand, hinter der gespielt wird oder auf die ein live-Instagram-Tutorial projiziert wird. Die vielen Mittel werden gezielt eingesetzt und treten nicht miteinander in Konkurrenz, sodass das Publikum nicht damit überfordert wird.

„Die Welt ist eine Bühne“ – in „real fake“ wird diese eigentlich strapazierte Idee Shakespeares gut umgesetzt, da auch mit dem Oszillieren zwischen Rolle und Biografie gespielt wird. Die Schauspieler*innen stehen zwar auf der Bühne, sprechen sich aber mit ihren tatsächlichen Namen an.

Wenn es in dem Stück also um Wirklichkeit und Täuschung geht, um die Biografie der Schauspieler*innen, kann man dann kritisieren, dass es an einigen Stellen zu stereotypisiert ist, um Alltagsrassismus und Sexismus tatsächlich enttarnen zu können? Weil die persönlichen Kämpfe auf der Bühne ausgetragen werden, wirkt das Stück entwaffnend. Dennoch fehlt oft ein Überraschungseffekt, der dem Hang zur Klischeehaftigkeit entgegengewirkt hätte.

Auch fehlt manchmal der strukturelle Kontext und die Symptome werden klar, nicht jedoch die Auslöser: Der rassistische Polizist wird freundlich, nachdem er feststellt, dass sein Opfer im Theater mitspielt. Und was ist mit denen, die ihre Geschichte nicht auf der Bühne erzählen können?

Sehr gut verdeutlicht das Stück, wie wir oft mit dem einen Bein hier und mit dem anderen Bein dort stehen: Weibliche Reize sind gleichzeitig Schuld und Stolz, ist Frau zu prüde oder schon schlampig? Werde ich lieber bemitleidet oder bevormundet und warum überhaupt? Die Vielfalt der Themen auf der Bühne öffnen das Stück einerseits für das Publikum, andererseits werden Themen wie Vergewaltigung  in kurzen Videosequenzen, in der ein weiblicher Körper in roten Farben mit “rape” und “slut” beschrieben ist, eher angeschnitten als vollständig auf die Bühne gebracht. So kam manches zu kurz in dem Spektakel auf der Bühne, denn ein Chor aus Biografien macht es schwer, die*den Einzelnen nachwirkend in Szene zu setzen.

Am Ende dann auch noch ein schneller Seitenhieb aufs Theater: Zu viele männliche Intendanzen und der Schauspielbetrieb ist diskriminierend bei der Auswahl der Besetzung. Ich finde es gut, dass so viele wichtige Themen auf die Bühne gebracht werden, aber der Diskurs bleibt etwas hinter der Thematisierung zurück.

Jetzt noch die Parade, ein roter Teppich wird ausgerollt, es gibt Koks, Konfetti und einen König. Dann Publikumsinteraktion, man holt das durch Entscheidungen überforderte Individuum von heute noch mit ins Boot.

Die stillen Momente kommen zu kurz, ich habe kognitiv die Botschaft verstanden und moralisch verdaut, aber gefühlsmäßig werde ich ein wenig sitzengelassen. Um nachhaltig beeindruckt zu sein und etwas an der eigenen Wahrnehmung zu verändern, braucht es vielleicht weniger von allem und dafür mehr emotionale Treffsicherheit. Dennoch: Dem Publikum werden Vorurteile durch das Vertauschen von Narrativen der Diskriminierungserfahrung oder durch Übertreibung parodierende Darstellung  aufgezeigt. Durch den Themenkanon auf der Bühne wird auch verdeutlicht, dass in einer diversen Gesellschaft das Chamäleon auch Paradiesvogel sein darf.