„KörperPoesie“:
Das Individuum in der Masse

Gestern Abend sah man vor allem eins auf der der Bühne: Persönlichkeit!

Und trotzdem schafft es die Gruppe als eine Einheit auf der Bühne zu stehen, als ein Körper der gemeinsam und getrennt  in die Tiefen der Selbstverzweiflung, Unsicherheiten und persönlichen Abgründe eintaucht. Sie zeigt was es bedeutet jung, männlich, weiblich, schwul, schwarz, (selbst-) verliebt, verloren, verzweifelt, glücklich, unglücklich zu sein. Dabei bedient sich die Gruppe vieler Klischees, die teilweise lustig und pointiert, teilweise aber auch verkrampft und zu gewollt wirken.

Um diesen Klischees Persönlichkeit zu geben hat jede*r ihren*seinen eigenen Moment auf der Bühne. Ob Tanz, Schrift, Sprache oder die Kombination, jede*r Spieler*in „darf mal“ und zeigt dabei was er*sie drauf hat. Dabei wird die Gruppe aber nicht so stark in den Hintergrund gestellt, dass sie unbedeutend wird. Sie agiert als körperliche Unterstützung, die das Gesprochene verbildlicht, als Akteurin im Hintergrund, die mehr und mehr Persönlichkeit auf die Bühne bringt. Ob durch eigene Nebenchoreos, die sich wiederholen und dadurch Kontinuität in das Ganze bringen, oder das Aufhängen persönlicher Gegenstände. Dabei machen die Spieler*innen den erst etwas undefinierten Raum der Bühne immer mehr zu ihrem persönlichen Ort, in dem sie frei sein können und ihre Persönlichkeit mehr und mehr zum Vorschein bringen.

Neben den persönlichen Solos hinterlassen auch die Gruppenchoreographien einen bleibenden Eindruck. Die Synchronitäten sind exakt und trotzdem locker und unverkrampft. Es finden sich immer neue Gruppierungen, die weitestgehend undefiniert bleiben und doch einen Sinn haben, indem verdeutlicht wird, welche Bedeutung zwischenmenschliche Beziehungen in einer Gruppe haben . Trotz der Synchronitäten bleibt der*die einzelne in der Gruppe relevant, bricht aus, bewegt die Gruppe und fügt sich neu wieder ein. Das Individuum in der Masse zeigt seine Relevanz immer wieder auf und schafft so einen Bogen vom Gespielten zum Getanzten.

Dieser Bogen verläuft jedoch nicht immer perfekt. An einigen Stellen schaffen die Spieler*innen es nicht, die Übergänge zwischen Spiel und Tanz klar zu definieren und verlieren dadurch einige interessante Ansätze. Durch die teilweise schwachen Übergänge verlieren auch anmutige Choreographien an Spannung und geben den Impuls, sich mehr auf die anderen Geschehnisse auf der Bühne zu konzentrieren, wie das Verteilen der persönlichen Gegenstände. Die Einbindung dieser scheint jedoch etwas unausgearbeitet, die vielen Gegenstände werden wenig eingebunden und die Bühne wirkt nach einiger Zeit etwas überladen. Was als eine gute Unterstützung von Tanz und Spiel beginnt, verliert im Laufe der Inszenierung leider an Wirkung.

Trotz dieser Schwächen bleibt sich die Gruppe selbst treu und schafft einen Raum, der sehr privat und doch offen und ehrlich ist und dadurch das Publikum berührt und mitreißt.


Foto: Dave Großmann