WORKSHOP
KÖRPER TAUSCHEN –
WER SPRICHT DA JETZT?

Auf der Bühne sitzt eine zierliche Sechzehnjährige und erzählt von ihrem Bart. „Da fragen Kinder schon“, sagt sie lässig und lacht. Aber eigentlich spricht dort Cem, Mitte 20, kleinwüchsig. Die Performance ist Teil des Workshops „Körper tauschen“. Dabei interviewen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Personen, „von denen wir denken, dass sie ein besonderes Verhältnis zu ihrem Körper haben“, so Workshopleiter Alexander Riemenschneider. Das sind Personen wie Zwillinge, Rollstuhlfahrer, Sexarbeiterinnen. Und Cem mit seiner Körpergröße von 1,38.

„Ziel ist es, dass am Ende jemand auf der Bühne steht, der sagt: ‚Ich mit meinen 95 Jahren‘ und das ist aber ein ganz junger Mensch. Uns interessiert, was dazwischen passiert, zwischen dem Körper, der tatsächlich auf der Bühne ist und der Behauptung, die dieser Körper ausspricht“, erklärt Regisseur Alexander Riemenschneider. Bei den Bundeswettbewerben bietet er schon seit einigen Jahren Workshops an, „Körper tauschen“ gibt es zum ersten Mal. Dabei unterstützt ihn jemand mit Ahnung von Interviews: Christa Pfafferott, Filmemacherin und Autorin, entwickelte mit den Jugendlichen Techniken für die Gespräche. Ob die Fragen ein Journalist oder eine Schauspielerin stellt, spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle: „Es geht in erster Linie darum, den Menschen kennenzulernen, dass er sich öffnet.“

Das mit dem Kennenlernen gestaltete sich für die Teilnehmerinnen Roya und Miljana einfacher als erwartet. Alles, was sie von Cem wussten, waren sein Name und seine Körpergröße. Aber die Angst, falsche Fragen zu stellen, verging schnell: „Die Atmosphäre war total entspannt und persönlich. Man denkt ja nicht, dass jemand einem einfach so seine Lebensgeschichte erzählt“, sagt Miljana. Diese erzählt sich vor allem in Details: Wenn er wegen seiner Größe nicht Achterbahn fahren kann. Wenn ein Türsteher ihn unter Vorwänden nicht in die Disco lässt und Cem es beim nächsten Club versucht. Es geht auch um die großen Träume: Cem wollte eigentlich Fußballprofi werden. Weil er zu klein dafür ist, steht er seit zehn Jahren als Schiedsrichter auf dem Rasen. Was wünscht er sich außerhalb des Platzes? „Eine feste Rolle bei GZSZ oder so wäre schon cool.“

Für die Teilnehmerinnen ging das Projekt schnell über den Körpertausch hinaus. „Wir wollten das erst allgemein über kleinwüchsige Menschen machen, aber wir haben gemerkt, dass es um Cem als Person geht“, sagen sie. „Es hat für mich irgendwann keinen Unterschied mehr gemacht, ob er kleinwüchsig oder normal groß ist“, so Roya weiter. Deswegen diskutierten sie beim Erarbeiten der Szenen ganz andere Sachen als seine Körpergröße. Wie er sich vorbeugt, wie er das Wort „lustig“ ausspricht oder an wie vielen Stellen er wirklich „sozusagen“ sagt.

Nuancen raushören, Stille zulassen, vermeintlich blöde Fragen stellen – dass das wichtig ist, wussten die Jugendlichen schon vor den Interviews. Gelernt haben sie dann, sich selbst zu zeigen. Alexander Riemenschneider formuliert das so: „Wenn ich verschwinde hinter meinem Aufnahmegerät oder hinter der Aufgabe selber, ist das schwieriger, als wenn ich selber wahrnehmbar bin als Mensch.“ Nur so kann aus einem Interview ein echtes Gespräch werden.

Auf der Bühne werden daraus kurze Monologe, in denen Roya und Miljana ihren Körper gegen den eines anderen tauschen, breitbeinig auf Drehstühlen sitzen, und sich an den Bartstoppeln kratzen.
„Stört dich das, wenn du nur Jobs bekommst, weil du kleinwüchsig bist?“, fragen die Workshopleiter. „Das ist eine gute Frage“, antwortet Roya, antwortet Cem, „aber nein. Ich glaube, das ist immer ein Vorteil. Ich bin gut so, wie ich bin.“