Können diese Zahlen lügen?

Ich sage ja immer: Fakten, Fakten, Fakten. Gedichte interpretieren, Stimmungen von Prosatexten nachspüren, bäh. Wir leben im Informationszeitalter, bitteschön. Nicht im Emotionszeitalter. Deshalb hier ein paar messerscharfe Statistiken zu eurer Textsammlung.

  1. Große GefühleIn der Literatur geht es ja immer um Liebe und Tod. Beim 33. TjA geht es statistisch vor allem um Tod – 21 Mal tauchen die Wörter tot oder Tod auf. Liebe dagegen nur 9 Mal. Auffällig: Es wird viel gestorben, aber dagegen nur sehr wenig getrauert, nämlich nur 4 Mal. Insgesamt ergibt sich vor der übermächtigen Endlichkeit allen Lebens eine gelassene Stimmungslage aus Liebe, Angst und Glück zu fast gleichen Teilen. Transzendentaler Beistand wird eher wenig gesucht – das Wort „Gott“ kommt nur 4 Mal vor. Das Wort „Fisch“ 35 Mal. Daraus lässt sich methodisch stichfest und zweifelsfrei schließen, dass Fische euch 8,75 Mal wichtiger sind als Gott. Und das führt direkt zur Frage nach der tja-Zoologie 2018.
  2. Was Ihr mit auf die Arche nehmt, wenn die Welt untergeht
    Der Jahrgang zeigt einen deutlich maritimen Einschlag. Neben Fischen (35 Mal) kommen auch Buckelwale, Mantarochen und Quallen vor. Und Nixen. Zusammen machen die Wassertiere 47% der diesjährigen Fauna aus. Weit abgeschlagen auf dem zweiten Platz landet der Fuchs mit 14 %, gefolgt vom Affen und Insekten (zusammengenommen; Käfer, Bienen etc.), beide 8%. Besonders schlimm hat es die Krokodile getroffen, die nur als Handtasche vorkommen. Und eine der beiden Mücken, taucht in ich erinnere von Anile Tmava nur auf, um vertrieben zu werden. Hunde und Katzen werden komplett ignoriert. 

  3. Jasager*innen
    Die Unkenrufe einer angepassten, glatten Generation bestätigen die unbestechlichen Zahlen zweifelsfrei. Es wird nur 11 Mal nein gesagt, aber 27 mal ja. Wo soll das bloß hinführen. Fast so oft wie ja kommt vielleicht vor. Die Texte zeigen euch überwiegend unentschieden oder affirmativ. Von dieser Generation ist keine Rebellion zu erwarten. Viel zu brav.
  4. Gar nicht mal so wildDas Wort „Sex“ kommt übrigens auf 100 Seiten nur ein einziges Mal vor.  Genau wie das Wort „Politik“. Just saying. „Blut“ scheint 25 Mal wichtiger zu sein als Sex. Auch „fuck“ kann mit 6 Erwähnungen nicht mithalten, „Scheiße“ (ebenfalls 6 Mal) auch nicht.  Der Hang zum Morbidem schlägt wieder durch.
  5. Was VersöhnlichesImmerhin kommt, um die Widersprüche zusammenzuhalten, 720 Mal das Wort und vor. Und: Das Geschlechterverhältnis ist zumindest in den Texten relativ ausgeglichen: 24 Mal kommt Mann, 22 Mal Frau vor. Erstaunlich, wenn man bedenkt wie unausgeglichen das Verhältnis der Bewerber*innen war. 85% der Bewerbungen kamen von weiblichen, 14% von männlichen Personen und jeweils unter 1% nicht-binär oder ohne Angabe. Dieses Verhältnis bildet sich mit 3 männlichen Preisträgern (15%) auch erstaunlich genau unter den Preisträger*innen ab. Aber die Frage bleibt trotzdem: Wo sind die männlichen* Jugendlichen, denen Gott egal ist und die gerne über tote, blutende Fische, die „ja, vielleicht“ sagen, schreiben?Foto: Elma from Reykjavík – Gullfiskur, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8566914