Kleine Gebrauchsanweisung für die Bar

Kleine Gebrauchsanweisung für die Bar

Die Bar. Der Motor, die fütternde Hand, das heimliche Zentrum des Treffens? Ein Ort des genüsslichen Schlürfens und nächtlichen Snackens. Des geselligen Anstehens und Kaffee-Nachfüllens. Hier reiht sich Zitrone-Ingwer-Limo an veganen Schokopudding, a match made in heaven. Aber was gibt es zu beachten, welche Spielregeln herrschen hier, wie ist das mit den alkoholischen Getränken?

Ich spreche aus eigener Erfahrung: Letztes Jahr stand ich beim Theater-, Tanz- und Autor*innentreffen hinter der Bar. Ich habe so einiges erlebt, Rätsel gelöst (ja, richtige Rätsel, zum Beispiel, wie mit einem 3-Liter- und einem 5-Liter-Eimer genau 4 Liter Wasser abgemessen werden können), tanzend Tische gewischt, Müll eingesammelt, zusammen mit den letzten Übriggebliebenen den Morgen begrüßt. Und weil Wissen ja gerade dazu strebt, mit anderen geteilt zu werden, kommt hier ein kleiner Einblick in meine Erfahrungen. Nach der Lektüre dieses Texts werdet ihr also gefüttert sein mit Informationen, die euch zu zauberhaft charmanten und allwissenden Barbesucher*innen machen.

Hier also ein paar grundlegende Dinge:

1. Freundlichkeit schadet nie. Wenn sich die Liebe in deinen Worten und Augen zeigt, füllt sich das Glas gleich noch ein bisschen höher.

2. Alles ohne Alkohol ist für euch IMMER kostenlos. Alles! Snacks, Limos, Kaffee, Tee… Schlaraffenland, würde ich sagen. Und an dem Abend, an dem ihr spielt, bekommt ihr ein paar Zaubermärkchen, mit denen ihr dann auch Betüdelndes sippen könnt, ohne eure Portemonnaies zücken zu müssen.

3. Glaubt den Tresenmenschen. Wenn sie sagen, dass es erst morgen wieder Bananen oder keinen kostenlosen Alkohol mehr aber gleich wieder heißes Wasser gibt, dann ist das so. Sie haben Ahnung. Sie sind top informiert, sie haben Verantwortung.

4. Du bist, was du isst, du bist, was du trinkst. Hinter der Bar arbeiten Menschen mit ausgeprägter Menschenkenntnis, wahre Soziolog*innen. Nehmen wir an, du nimmst immer dasselbe: Zitronenlimo und Sojapudding, gelegentlich ein Griff in den Süßigkeitenkorb. Dann steht fest: Aha, eine Person, die ihre Routine braucht, aber auch nicht zu diszipliniert und verkrampft ist. Wenn sie weiß, was sie mag, dann weicht sie nicht mehr davon ab. Sie ist risikoscheu, bewegt sich auf bekanntem Terrain, ist bescheiden, einfühlsam, tierlieb, harmoniebedürftig, verantwortungsbewusst — Sternzeichen Waage?
Oder die Sorte, die immer versucht, noch ein klein bisschen mehr rauszuschlagen. Vielleicht doch noch ein Bierchen aufs Haus? Oder sechs Balistos als Proviant für den Nachhauseweg? Den Sekt im Wasserglas, bis oben bitte? Ein klarer Fall von selbstbestimmtem Widder. Unterhaltungsfaktor hoch, Verlässlichkeit gering.
Es zeigt sich also: Du kannst alles sein, wenn du dir über deine Entscheidungen und Verhaltensmuster bewusst wirst. Du kannst dich mit jeder Handlung neu erfinden, du erschaffst deine eigene Wirklichkeit, das kann dir niemand nehmen — vor der Bar und auch sonst.

5. Ihr könnt die hart schuftenden Menschen richtig glücklich machen, wenn ihr hinter euch aufräumt. Einfach die leeren Flaschen in die Kästen, den Müll in den richtigen Mülleimer. So einfach geht Ordnung und Liebe!

6. Weg mit den Vorurteilen. Die Theatermenschen hauen wie die Musiker*innen gerne mal auf den Putz, hier klimpern die leeren Bierflaschen im Takt und tanzen mit den rot gefärbten Weingläsern, während bei den Autor*innen gerne mal ein gut geschwenktes Tröpfchen mit intellektueller Bedächtigkeit die Kehle herabrinnt. Und bei den Tänzer*innen gibt es natürlich nur Wasser, um den Körper in seiner vitalsten Form zu halten.

Aber wie es im Leben so ist, lässt sich da keine pauschalisierende Aussage treffen. Es wird ganz verschieden gespeist und geschlürft. Generell sind Vorurteile überhaupt nicht angebracht an der Bar — und überall. Wir befinden uns alle auf einer Ebene, nämlich auf der menschlichen.

7. Vor und hinter der Bar stehen Menschen und wie auch sonst ist Kommunikation key. Fragt ruhig mal nach Namen, erzählt was vom Tag, stellt ein gutes Rätsel, wenn beide einvernehmlich Lust darauf haben. Beim letzten Tanztreffen haben wir uns am Ende gegenseitig so viele Rätsel gestellt, dass so mancher Bargast fieberhaft mit Visualisierungszeichnungen am Tresen geknobelt hat.

An der Bar zeigt sich das Große im Kleinen. Dann fällt der Tresen weg und wir stehen uns gegenüber.

Lisa