Kellerkinder:
Auf Kultursuche
im System „Fuck“

Der Saal ist dunkel. Ausrufe ertönen: Schlampe, Hure, Missgeburt, Blödmann, Spast, Behindert, usw., etc., altbekannt. Die Gesichter der Tänzer werden von Smartphones beleuchtet. In den ersten Sekunden greift die TanzZeit Jugendcompany Evoke gleich zwei schwierige Themen auf, die sie schon im Programmheft in Anführungsstrichen anführt: die „Verrohung der Jugend und der Jugendsprache“ und „das Leben im medialen Zeitalter“.

Als das Lied „Same Love“ von Macklemore & Ryan Lewis ertönt, das sich mit der Akzeptanz von Homosexualität auseinandersetzt, wird dem Zuschauer sofort klar, dass sich das Ensemble keine leichte Aufgabe gestellt hat. Aber wie lösen sie die schwierige Aufgaben? Sie tanzen, rappen und perfomen. Sie machen auf die Probleme aufmerksam, nicht indem sie sie verschweigen oder übersehen, sondern indem sie sie knallhart auf die Bühne, vor ein großes Publikum bringen. In die Welt hinaus. Sie kritisieren Bushidos Nominierung zum Echo und die Rolle der Werbung.

Foto: Dave Großmann Nicht in allen Schulen gibt es Probleme, nicht auf allen Straßen herrscht Gewalt, nicht jeder Homosexuelle wird diskriminiert. Das bedeutet aber nicht, dass diese Probleme nicht existieren. Tanz wurde als Darstellungsmittel von Gewalt und als Ausdrucksmittel gegen Gewalt genutzt. Genauso wie der Rap die Verrohung der Jugendsprache als Mittel nutzt, um sich genau gegen diese Verrohung auszusprechen. Phrasen wie „Viva la revolución“ werden in den Raum geworfen, aber sie funktionieren im geschützten Raum des Stücks, in siebzehn getanzten Minuten. Auf der anderen Seite der Bühne schmiegen sich die Tänzerinnen einander, aber es wird keine Revolution geben.

„Das System gibt´n Fuck!“, ruft einer der Tanzenden am Ende des Stücks. Doch das Schöne an dem System Demokratie ist, dass es Kunst fördert, die das System selbst kritisiert, und das System macht es möglich, dass wir so tolle Stücke wie die Kellerkinder beim Tanztreffen der Jugend sehen.

Fotos: Dave Großmann