Keiner hat mich gefragt:
Wenn die Wut zur Klage wird

Sima ist eine 17 Jahre alte Muslima und möchte nach der Schule auf eigenen Beinen stehen – ihr Vater will aber, dass sie einen fremden Mann heiratet. Weder Simas Mutter, noch ihre Lehrer, noch Bekannte können sie unterstützen. Auf der Bühne stehen ihr nur zwei Alter-Egos zur Seite: eine schwarz gekleidete «Wut» und eine rot gekleidete «Leidenschaft» (beide durch Schriftzüge auf ihren Kostümen als solche erkennbar).

Das Stück «Keiner hat mich gefragt» ist keine Meisterhandwerks-Produktion erfahrener Schauspieler, sondern ein Ergebnis harter Arbeit von neun Mädchen aus Berlin, die Problematiken junger Muslimas auf der Bühne ins Werk setzen: Es geht um die Unterdrückung junger muslimischer Frauen, im Spannungsfeld zwischen den Zwängen konservativer Traditionen und den Anforderungen einer westlich-abendländischen Gesellschaft, die voller Vorurteile ist.

Die größte Aufmerksamkeit liegt auf der Hauptfigur Sima und ihren beiden allegorischen Begleiterinnen. Eine seltsame Verunsicherung lösen die Wut und die Leidenschaft aus: Sie handeln nicht so, wie man es von ihnen erwarten würde.

Die Wut ist nur ein Schatten ihrer selbst. Als Sima von ihrer Zwangsheirat erfährt, oder als ihr ein Arbeitsplatz im Krankenhaus nur deshalb verwehrt wird, weil sie ein Kopftuch trägt, wiederholt die Wut ungläubig die verletzenden Worte und stottert händeringend Vorwürfe hervor. Selbst als unsichtbares Alter-Ego, das nur Sima sehen kann, ist die Wut derart unterdrückt, dass sie es nicht vermag, ungezügelt auszubrechen. Nur an sehr wenigen Stellen bricht aus ihr eine Beschimpfung oder ein Schrei hervor. Die Wut ist zu einer Klage geworden. Die Unterdrückung wirkt so tief auf Simas Seelenleben ein, dass sie selbst, wenn sie nur für sich ist, kaum frei denken kann.

Umso intensiver wird dieser Eindruck bei der Figur der «Leidenschaft». Die Leidenschaft richtet sich auf keinen anderen Menschen und auf keine Tätigkeit, sondern sie tritt immer auf, wenn Sima Mitleid und Trost braucht. Sie ist nicht blind und überschwänglich, sondern sinnlich, verträumt und behutsam. Sie befeuert und begeistert nicht, sondern umarmt und beruhigt. Darin scheint Simas Charakter als der eines Mädchens auf, dessen Leidenschaft immer so klein gehalten wurde, dass sie nichts anderes mehr vermag, als zu kompensieren und zu lindern.

Am Ende des Stücks formuliert Sima Dinge, die ihr Hoffnung geben: «Ich male mir die Liebe.» Wieder bieten Irritationen tiefe Einblicke in eine komplexe Figur: Simas Vorstellungen von Liebe reichen – trotz der sphärischen Musik, trotz des rosigen Lichts – nicht über rudimentäre Klischees hinaus. Sima imaginiert die Liebe als «Sonne», als «Wärme», als «Herz», also als nichts, was über einfachste Symbolik hinausgeht. Und als Sima von der Sinnlichkeit der Natur träumt, spricht sie tautologisch von der «Natur, wie sie natürlich riecht.»

Obwohl die Wut zur Klage verkümmert ist, und die Leidenschaft zum Trost, und obwohl Simas hoffnungsvolle Vorstellungen im Klischee verbleiben, verwandelt sich Simas Ausgeliefertheit nie zu einer Ohnmacht. «Keiner hat mich gefragt» lässt einen Kampf gegen Unterdrückung spürbar werden. Wenn Unterdrückung etwas nach unten drückt, dann hält sie etwas klein, dann belässt sie etwas unentwickelt und verkümmert. Diese Verkümmerung meldete sich gestern mit ihrem ganzen tragischen Potenzial zu Wort, lehnte sich auf, und wurde auf der Bühne lebendig.

Foto: Dave Großmann