Keiner hat mich gefragt:
This is the life

Die ersten Worte haben die Spielerinnen als Stimmen aus dem Off. Das Publikum wird direkt angesprochen, man wird klar positioniert. Wir, das sind die anderen bzw. umgekehrt, die anderen, das sind wir, und wir haben keine Ahnung [»Egal welchen Titel Ihr uns gebt und welches Bild Ihr Euch von uns macht… Ihr werdet nie den passenden Titel oder das richtige Bild für uns finden!«] von Euch und stattdessen Vorurteile bzw. umgekehrt.

Dann kommen lange KulTür auf!-Manifestationen. Dabei wird ZUGANG (in Versalien) zu kulturellen Betrieben der Republik und auch sonst [»Hey mal ehrlich, nicht wir Jugendliche sind das Problem, sondern der fehlende Respekt, die soziale Ausgrenzung, der Rassismus und alle anderen Formen der Diskriminierung und das ganze FUCK SYSTEM, das zuständig ist für diese Zustände ohne ZUGANG«] gefordert. Angekündigt wird eine repräsentative Darstellung der Lebenswelt einer muslimischen Frau in der aktuellen gesellschaftlichen Wirklichkeit, bestehend aus Hartz 4, Sarrazin, Merkel und mehr. Laut und ehrlich und fordernd und wahr, nämlich die Darstellung von »uns [selbst] und unseren Sichtweisen«. Das sind große Worte, große Erwartungen, große Ideen, große Ansprüche.

Das Stück, bestehend aus schlicht gereihten kleinen Szenen auf einer minimalistischen, schicken, wandlungsfähigen Bühne, beginnt endgültig, die Conférenciers werden zur Claque (die jede Szene frenetisch bejubeln und ersticken). Manche der Bilder empfand ich, zwischen Jubel, Johlen und Yallah, als zart und tief und groß und wild gefühlt und als wahre Lebensrealität, andere waren großartig energiegeladene Aus- und Aufbrüche. Die tanzenden Männer, die selbstzufriedene Arroganz von Alis Vater, ein Traum vom Tango. Yeah, bzw. yallah.

Es geht um Sima. Sima soll Ali heiraten, das wollen ihre Eltern. Sima soll endlich westlicher werden und sich emanzipieren, das will ihre Lehrerin. Sima soll endlich abhauen und nicht länger nerven, das will eine Ärztin, bei der Sima sich um einen Ausbildungsplatz bewirbt. Gefragt nach ihrer Meinung hat sie keiner. Sima soll endlich besser kochen und putzen lernen, das wollen die Schwiegereltern in spe. Sima will das nicht, sie will, was alle wollen: die Möglichkeit zum »pursuit of happiness«. Sagen kann sie das nicht, sie trägt ihre Wut und ihre Leidenschaft (ein wenig falsch bezeichnet, vielleicht, Leidenschaft ist nur im Lateinischen auch Leid, Leiden hätte es vielleicht besser getroffen) mit sich rum wie Schachtelteufel, die auch singen können. Yallah.

Schuld an der Misere sind die Männer – Simas Vater und Ali, der zwangsverlobte Waschlappen, beugen sich der Konvention, Alis Vater ist das Mastermind hinter Simas Zwangsheirat – aber auch und vor allem Repräsentanten des FUCK SYSTEMS: eine rassistische, diskriminierende Ärztin und eine Lehrerin, die nur das Beste will und dabei Schlechtes schafft.

Dass die Zwangsheirat dann nicht passiert, dass sich Simas Kernfamilie einträchtig hinter sie stellt, dass Sima dann doch mal gefragt wird, verdankt Sima ihrem Glauben, der genauen Lektüre religiöser Schriften und ihrem Gottvertrauen. Für junge religiöse Muslimas ist das eine großartige Botschaft.
Die anderen Botschaften des Stücks scheinen mir weniger großartig, weniger hoffnungsvoll, weniger durchdacht, manche Aussagen machen einem kurz den Atem stocken: Wenn Emanzipation mit dem Sexobjekt-Sein für den Playboy gleichgesetzt wird, wenn von Systemvertretern entweder kruder Rassismus oder absolute, unreflektierte Unkenntnis erwartet wird, wenn Merkel-Ferkel eine natürliche Assoziation ist, wenn man der deutschen Gesellschaft Billigung pädophiler Verbrechen vorwirft, wenn dies alles als die Lebenswirklichkeit von Menschen, als Wirklichkeit präsentiert wird. Gemessen an dem selbstformulierten Anspruch, repräsentativ zu sein, wahr zu sein, politisch mitzuwirken, fehlte mir eine tiefere, empathischere, für Diskussion nötige Auseinandersetzung mit den (signifikanten) Anderen und ihren Konzepten, Ideologien und ihrer Geistesgeschichte. Das ist der nächste Schritt.

Kurz vor Ende dann nochmal grün-springteufelige Werbung für FESTIWALLA (auch in Majuskeln). Bewerben, hingehen, yallah, und so weiter.

Foto: Dave Großmann