Keiner hat mich gefragt:
„In your head, in your head
they’re still fighting!“

Ich kenn da einen Witz und der geht so: Die Funktion x² gibt eine Party und alle sind da: cos(x), ln(x), ja sogar tanh(x) und alle haben mächtig Spaß, nur die e-Funktion steht alleine in der Ecke.

Als x² das bemerkt, denkt er sich, das kann ich als guter Gastgeber so nicht auf mir sitzen lassen! Und er geht auf die e-Funktion zu und sagt: »Na, was is denn los, hast du keinen Spaß? Na komm, integriere dich doch mal!« Daraufhin die e-Funktion ganz traurig: »Hab ich doch schon!“«

Da steht eine überintegrierte Lehrerin vor der 17-jährigen Sima und glaubt zu wissen, was das Richtige für das junge Mädchen ist: Ein Minirock und ein Ausbildungsplatz. Sima fühlt sich in die Enge getrieben von Tradition und westlicher Welt, von Verhüllung und Nacktheit, von dem Wunsch nach Selbstständigkeit und der Angst davor und dann droht ihr auch noch eine Zwangsheirat.

Es hätte alles so schön sein können: Eine dramatische Grundsituation, talentierte Schauspielerinnen, ein Manifest für Frieden und Gleichheit, junge Menschen mit Mut und Energie, sanft-authentische Gitarreneinlagen, dazwischen: Orientalisch-griechische Klänge, tanzende Mädchen in warmen Licht, antik anmutende Maskengestalten, ein rührend-weinendes Mädchen, ein hin- und herpendeln zwischen Romantik und Brutalität, ein feuriger Tango, eine gelbe Rose, überzeugend gespielte Stereotype, immer wieder ein paar Tropfen Selbstironie und die bösen Geister des Gewissens, die die Schlafenden heimsuchen.

So hätte es meiner Meinung nach noch schöner sein können: Das Stück etwas kürzer, weniger Gejammer a là: »Wir sind die Ausländer und deshalb von vorneherein benachteiligt und arm« und »Jugendliche werden meistens eh nicht erst genommen« und weniger düstere Zukunftsvorhersagen. Politikerkritik a là »Merkel, das Ferkel« ist weder klug, noch bring es irgendwas, deshalb kann man sie auch gleich sein lassen. Vor allem aber sollte erkannt werden, dass die Mädchengruppe stark und gut genug ist und den Rahmen der enthusiastischen, selbstbewussten jungen Männern vor und nach dem Stück auf keinen Fall braucht.

Foto: Dave Großmann