Keiner hat mich gefragt:
„Ich komm hier raus!“
Ein Stück über Widerstände

Während das Hannoversche Ensemble am Freitag Abend nur so getan hat, als würden sie ein großes (kultur-)politisches Happening auf der ttj-Bühne ausrichten, hat das JugendtheaterBüro Berlin gestern tatsächlich eins veranstaltet, zumindest ein kleines. Vor dem Auftritt der Spielerinnen hört man zunächst nur eine Stimme. Die puristisch ausgestattete Bühne leer, nur zwei dunkle Boxen in der Mitte, am Rand ein Stuhl, eine Gitarre, ein Mikro. Die Stimme verliest das KulTür auf!-Manifest, ein Manifest, in dem es darum geht, gehört zu werden: «Wir sind die, über die ihr immer alle redet.» Dann stürmen zwei Jungs die Bühne, die Werbung machen für das dazugehörige Festival Festiwalla: «Wir möchten, dass jeder sieht, dass wir was drauf haben.» Es ist eine Mischung aus Cheerleading und Fernsehshow-Aufheizer, und es wird schnell klar, dass ein Publikum mit dieser Dosis tatsächlicher Wirklichkeit schnell überfordert sein kann. Es wird geklatscht, gelacht, skeptisch geguckt oder ein Zwischenweg gewählt; vor allem vielleicht, als auch das Ensemble selbst noch beworben wird: «Die Mädchen sind Respektspersonen. Und wirklich stabil beim Spielen.» Dann setzen sich die Festiwalla-Jungs in die erste Reihe, das Licht wird dunkler, und ganz schnell werden auf der Bühne jetzt zartere Töne angeschlagen: Da gibt es ein Mädchen in Schwarz, auf deren T-Shirt steht «Wut», ein Mädchen in Rot, « Leidenschaft», und ein Mädchen in Weiß, mit einem Kopftuch, die sagt: «Schönheit beglückt unser Herz.» Und sie stockt ein wenig dabei, als wäre die Figur noch nicht ganz sicher, als müsste sie noch Fuß fassen auf dieser weiten Bühne. Dann gibt es ein Lied, das Mädchen in Schwarz singt sehr schön: «Man sagt/ Liebe ist ein Wasser./ Man sagt/ Liebe ist ein Messer.»

Das Mädchen in Weiß (weiß, die Farbe der Unschuld) heißt Sima. Sima ist 17 und Sima soll heiraten. Ihr Vater will 15.000€ für sie: «Ich war heute im Café. Und Hassan hat Sima für Ali gefragt, und ich hab ja gesagt.» Die Rechtfertigung ist simpel: «Muss Sima heiraten? Wie soll ich sonst noch ins Café gehen? Ich bin ein ehrenvoller Mann.» Die Berliner Produktion «Keiner hat mich gefragt» ist ein Stück über die Lebenswelt eines muslimischen Mädchens in Deutschland, über Religion und Ehre und Kulturunterschiede, aber nicht nur. Es ist auch ein Stück übers Erwachsenwerden, über die Frage nach der eigenen Identität, über Schönheit und Liebe und Wünsche. Über Weiblichkeit, natürlich, aber auch über Männer. Vor allem ist es aber ein Stück über Widerstände, denn auf die stößt Sima in all ihren Lebensbereichen. Ihre Mitschülerinnen verstehen sie nicht, weil sie nicht richtig hinsehen, ihre Vertrauenslehrerin nicht, weil sie nicht zuhört, im Krankenhaus bekommt sie keine Stelle, weil Ausländer nicht erwünscht sind, mit ihrem Vater kann sie nicht reden, weil der die Tradition vorschiebt, mit ihrer Mutter nicht, weil die vom Vater unterdrückt wird, mit Ali nicht, weil der Angst hat oder bequem ist, man weiß es nicht. Es geht dem Ensemble nicht um eine besonders differenzierte Figurenzeichnung oder tiefgründige Charakterdarstellung. Es geht um Übertreibung, es geht um Klischees, denn diese Klischees sollen erzählen, dass die Wirklichkeit vielleicht solchen Klischees manchmal viel näher ist, als man sich wünscht, als man sich eingestehen will. Und genau aus diesem Grund möchte man dem Ensemble auch die Holzschnittartigkeit mancher Szenen nachsehen (die Mutter muss dem Vater die Fernbedienung aufheben), vielleicht auch, weil sie mit allen abrechnen: der eigenen Familie, der Gesellschaft, muslimisch oder nicht muslimisch, weil die Gefahr des Vorurteils überall sitzt. Schade ist, dass das Ensemble am Ende die eigene Aussage noch einmal erklären will. Sima kommt auf die Bühne und macht ihre Vorwürfe explizit, gegen den Vater und so weiter, dabei hat sich inzwischen schon ganz anders gezeigt, dass Sima sich entwickelt hat, gegen die Widerstände angehen will. Sie sagt: «Ich geb nicht auf.» Sie sagt: «Ich komm hier raus.»

Man kann dem Ensemble vorwerfen, dass sie den Bogen manchmal überspannen. Dass sie sich auf Plattitüden ausruhen («Ihr sucht doch alle nur ein Feindbild: erst die Juden, dann der Kommunismus, jetzt der Islam»), dass die Musik zu melodramatisch ist oder das Zittern des Körpers. Aber letztlich zählt vielleicht am meisten, dass sie etwas erzählt haben. Von sich, von ihrer Sichtweise, von anderen. Auf ihre Weise. Mit weißen Masken in grünem Licht. Mit einer Gitarre. Mit einem Fernseher. Am Ende des Stücks weiß Sima, dass sie irgendwann finden wird, was sie sucht: «Ich male mir die Liebe vor/ und sehe die Sonne.»

Foto: Dave Großmann