Keiner hat mich gefragt:
Glück Glück Glück
Jeden Tag ein Stück

Klar und ehrlich ist das Anliegen. In das Dunkel hinein wird das selbstverfasste Manifest gesprochen – Stimmen aus dem Kiez. Wir verstehen und sind bereit uns einzulassen; möglicherweise mit dem konfrontiert zu werden, was unseren eigenen Vorstellungen widerspricht. Konventionellen Vorstellungen widersprechen zunächst die zwei animierenden Jungs, deren Funktion wie ein Schwank schwankt zwischen Werbung für das Festiwalla-Festival (»Wieso gerade hier auf der Bühne?«) und Barden, die das erwartete Stück preisen (»Diese Mädels sind direkt Radikal. Ins Gesicht.«). Der Anspruch der Authentizität ist das Versprechen der Spieler an uns, an die Rezipienten.

Die Aufführung des Theaterstücks an sich, das ist ein politischer Akt. Auf der Bühne stehen junge Mädchen, die bereits einiges geleistet haben, allein damit, dass sie da stehen: Sie haben sich gegen eigene Bedenken, gegen familiäre Kritik und gegen gesellschaftliche Vorbehalte durchgesetzt und dabei auf sich selbst und auf eine ausgesprochen junge Spielleiterin vertraut. Das ist mutige Emanzipation: Ein existenzielles, sich auseinandersetzendes Spiel mit den gegebenen Möglichkeiten. Inhaltlich handelt das Theaterstück von Sima, einer ambitionierten 17-Jährigen, die äußerlich durch ihr Kopftuch stigmatisiert ist, innerlich hingegen die Träume derjenigen teilt, die not a girl, not yet a woman sind. Gegen die scheinbar determinierenden Umstände kann sie nur Selbstbewusstsein und Mut aufbringen und einen Versuch, mit den ihr gegebenen Mitteln, mit dem Koran selbst, sich auszudrücken – und es ist nur das unberechenbare Glück (oder das Bedürfnis einer Lösung auf der Bühne), dass die Zwangsheirat revidiert wird, dass Bräuche unterbrochen werden, dass ein Patriarch sich selbstlos umentscheidet. So sehen die Spielerinnen ihre Realität. Unsere Realität.

Das Spiel an sich ist noch jung: Bewegungen auf der Bühne sind mehr inszeniert als authentisch. Die Technik hängt. Auf- und Abgänge bringen zum Schmunzeln. Die Spieler brechen aus den Rollen raus und wieder in diese hinein. Die Mädchengruppe des JugendtheaterBüro Berlin stellt sich nun ihrer neuen Aufgabe: Den nächsten Schritt zu gehen. Damit das anfängliche Versprechen eingelöst wird. Damit die Ansage, »die vielfältigen Lebensrealitäten einer muslimischen Frau repräsentativ darzustellen« verwirklicht wird. Nicht nur den Spielerinnen steht ein Weg bevor. Ansätze dürfen als Ansätze erkannt werden, an denen man nun weitermachen darf. Auf jeden Fall weitermachen!

Foto: Dave Großmann