Keine Ahnung,
was hier gerade
passiert ist

Ich habe gestern ein Stück besucht, das ich in weiten Teilen nicht verstand. Das war der Tatsache geschuldet, dass die Schauspieler gerne vom Publikum weg, oder gegen Musik anredeten. Aber auch, dass einige Dialoge so vielschichtig, übertrieben philosophisch wirkten, dass es mich auch inhaltlich nicht immer mitnahm. Nebenbei war es auch visuell vollkommen überfordernd. Und dennoch hatte ich seit langem nicht mehr so viel Spaß im Theater wie gestern.

„Lena und Leonce. Wie der Kosmos das Chaos suchte und nicht fand.“, aufgeführt vom P14 Jugendtheater der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, basiert auf dem ähnlichnamigen Werk „Leonce und Lena“ von Georg Büchner. Ein Stück, dessen Handlung oberflächlich gesehen keine Erleuchtung ist. Irgendwas mit gelangweiltem Adel, Zwangshochzeit, die dann doch ok ist und zum Schluss ein Happy End. Die Berliner Theatergruppe hat sich dessen Kitsch jedoch zu eigen gemacht. Es gibt auf der Bühne ein DJ-Pult inklusive zwei Jockeys in engen Lederjacken, ohne Hosen. Außerdem eine kleine Drehbühne, die in drei Abschnitte für jeden Akt eingeteilt ist, zwei Fernseher, eine Leinwand, mehrere Stühle, einen Mixer. Nach einem Windows-Sound-Remix zum Warmwerden beginnt Valerio, der Diener von Leonce, „Abenteuerland“ von Pur zu singen. Gut klingt das nicht, aber setzt einen ersten Wegstein für das, was den Zuschauer noch erwartet. Während des ersten Aktes geht die Königin zwischendurch hinter die Bühne ins Bad, um sich zu übergeben und wird dabei von einer Kamera verfolgt, die live auf die Leinwand über der Bühne überträgt. Der König hält eine lustlose Ansprache ans Volk („Hallo Volk, du siehst ja heute schon wieder verdammt sexy aus!“), welches ihn eh nicht interessiert, „Rosette“ (eigentlich Rosetta), die Liebhaberin des gelangweilten Prinzen Leonce, spaziert im Affenkostüm über die Bühne. Leonce erfährt von seiner bevorstehenden Hochzeit und beschließt mit Valerio fürs erste das Weite zu suchen. Zwischendurch streiten die beiden sich und boxen. Dabei spucken sie sich gegenseitig Theaterblut an die Hälse, damit es dramatischer wirkt, einen Ringrichter gibt es auch.

Ohnehin gibt irgendwie alles in dem Stück. Der erste Akt endet mit einem selbstgedrehten Trailer, oder kam der erst später? Es ist schwer, sich Notizen zu machen, da andauernd irgendetwas passiert. Der zweite Akt beginnt mit einem Aufklappzelt, das aus Versehen kaputt geht, aber das stört die Schauspieler nicht weiter. Generell traten sie mit einer fast selbstverständlichen Professionalität auf: Jemand stolpert, aber spricht weiter und wirft sich dazu in eine selbstironische Pose, Leonce hängt was im Hals, er fragt im Publikum nach Wasser und macht danach weiter, als wäre nichts gewesen. Seine Mätresse, Rosette, ist über den Ausflug, den aufs Land, wenig begeistert. Sie hält einen starken Monolog über individuelle Horizonte und wie diese mit anderen kollidieren (glaube ich), sie verteilte dabei Becher mit Banane, Wodka, Himbeersirup ans Publikum, das lenkte etwas ab. Vielleicht wäre es aber ohne diese Brechung ungewollt kitschig geworden, so wirkte es komplett überzogen, ehrlich kitschig. Danach wird noch wild rumgeknutscht, Valerio an vorderster Front mit dabei, Leonce und Lena machen es sich nett im kaputten Zelt.

Zum dritten Akt fällt mir auf, als die Bühne gedreht wird, dass jeder der drei Teile identisch aussieht. Naja, besser spät als nie… Zwischendurch wird das Stück durch längere Monologe einzelner Personen, die von Assoziationsketten geprägt sind, gestreckt. Einer dieser Vorträge – anfangs noch über das Thema Provokation – mündet in einer spektakulären Interpretation des Liedes „All by myself“. Währenddessen kann man auf der Leinwand verfolgen, wie sich die anderen Schauspieler umziehen und rauchen gehen.

Der Satz „Du kannst die fehlende Authentizität nicht kaufen, aber der Kitsch ist für umsonst“ bleibt besonders hängen. Der Kitsch, den ich gestern im Haus der Berliner Festspiele angesehen habe, war überhaupt nicht umsonst. Eine unterhaltsame Produktion mit begabten Schauspielern, klugen Sätzen (wenn man nicht zu sehr abgelenkt war, um zu folgen) und schöner Musik. Ein Abend, an den ich wohl noch lange zurückdenken werde.


Foto: Dave Großmann