Katzelmacher:
put your simmel in me

Der Wandernde ist der
begriffliche Gegensatz zur Fixiertheit, […]
der Fremde [hingegen vereint beides: Er ist nicht der,]
der heute kommt und morgen geht, sondern der, der heute kommt und morgen bleibt – sozusagen der potentiell Wandernde, der nicht weitergezogen ist.
(Georg Simmel, 1908)

 


Die Balljugend aus Hannover hat mit ihrer experimentellen Übersetzung des „Katzelmacher“ den Inhalt in eine ihm bestimmte Form überführt. Sie sind tief eingedrungen in die Materie, haben die Sprache auf ein Minimum seziert. Jede Szene war eine Bewegung, jede Bewegung eine Bedeutung, eine Re-aktion in einem fixierten Raum.

In diesen Raum tritt ein Fremder. Wir sehen ihn nicht. Die Gemeinschaft spricht zu ihm, über ihn, aber eigentlich zu uns. Ihre Sprache richtet sich gegen den Raum, den wir teilen, gegen den Fremden, der sich in diesem Raum bewegt. Ihre Sprache versucht, ihn zu fixieren und fixiert dabei nur sich selbst. Verhärtet.

In diesem System wird jede Handlung wiederholt. Durch die Wiederholung wird sie bedeutsam, erhält Symbolcharakter. Die Abweichung von der Wiederholung ist umso bedeutsamer, sie führt eine neue Bedeutung ein, sie stärkt das System. Versteift. Das junge Ensemble schaffte es, das System auf seine Grundmuster herunterzubrechen. Verbale Attacken enden in physischer Gewalt. Das Stück beschreibt minutiös jeden Schritt, die Grundbedingungen des Systems. Es ist ein Puppentheater über die Verbindung von Rassismus, Erotik und Gewalt; ein Machtspiel in Dauerschleife.

Das Stück trennt den Körper vom Geist. Und dieses Machtspiel ist körperlich. Die Re-aktion läuft automatisch ab. Deutlich wird das, als die Spieler*innen den Publikumsraum betreten. Das System greift über, greift uns an, versetzt uns in Angst und gleichzeitig in Verwunderung, ja, Amusement. Die Spieler*innen bewegen sich frei im Publikum, sie wissen um ihre Macht, um den Effekt, den sie erzielen. Das Publikum bleibt anonym, die Begegnungen sind auf das Zwischenmenschliche reduziert, individualisiert. Es ist nicht wirklich Angst, die im Raum herrscht, denn die Spieler*innen werden nicht übergriffig, es ist eine automatisierte Re-aktion. Unser Körper erkennt die Signale und reagiert, unser Geist erkennt die Muster und durchschaut sie. Der Raum ist erfüllt von Lachen, Gerede, ab und an ein Aufschrei. Sie machen es für das Publikum körperlich erlebbar, wie Dynamiken sich verselbständigen können.

Damit beweisen die Spieler*innen nicht nur ihren Sinn für Ästhetik und Sprache, ihr großes schauspielerisches Talent, ein präzises Zeitgefühl und ihre tiefsinnige Auseinandersetzung mit der Thematik, sondern auch eine zutiefst menschliche Haltung gegenüber Fehlern. Sie maßen sich nicht an, aus der Perspektive des Fremden zu sprechen; sie sprechen aus ihrer Perspektive, ohne anzuklagen, bloßzustellen, zu entlarven; zeigen die Bedingungen der Angst, zeigen Fremdenhass als Machtstruktur; zeigen, dass Menschen in einem System Handlungsoptionen haben. All das kumuliert zu einer geistigen Circlusion mit unzähligen Höhepunkten.