KATZELMACHER:
I DON’T KNOW WHAT THEY
WANT FROM ME

von Fine Riebner

‘MO’ MONEY MO’ PROBLEMS’ steht in großen Lettern auf einer an den oberen Ecken abgeschrägten Leinwand. Dann erscheint das Wort ‘BITCH’. So beginnt am gestrigen Abend das Stück “Katzelmacher” von Rainer Werner Fassbinder, erzählt von jungen Spieler*innen der Bürgerbühne des Staatsschauspiels Dresden. Wie ein Motto wirkt diese Aussage, unter das man alles, was man nun sehen wird, einordnen soll. Dann erst beginnt das Stück.

Es dauert nicht lange, bis die starken eingesetzten Mittel und dramaturgischen Besonderheiten auffallen, die sich durch das gesamte Stück ziehen. Ohne Unterbrechung laufen auf der Projektionswand Videos. Eine Szene folgt der nächsten, ohne Übergänge, einfach nur harte Schnitte. Die Kameraeinstellungen vermitteln häufig eine Beklemmung. Auch die Dialoge, die auf der Bühne dargestellt werden, wirken wie herausgerückt, bruchstückhaft. Die Spielenden treten meist in Pärchen auf, unterhalten sich, aber ohne sich wirklich anzuschauen oder zu meinen. Die Stimme bleibt monoton, die Gesichter unbewegt. Auch die Sprache, die die Spielenden benutzen, klingt merkwürdig. Ein komischer bayerischer Dialekt klingt durch, die Spielenden sprechen oft von “dem Deinen” und “dem Meinen”, davon “ein Geld” zu haben. Das hat einen verfemdenden Effekt. Es entsteht eine seltsame Gedrücktheit und Langsamkeit, obwohl die Szenen oft rasch aufeinander folgen. Die Stimmung wirkt lethargisch, trist und irgendwie leer. Bestimmte Szenen wiederholen sich periodisch: Es wird das Lied “Young Man Blues” eingespielt und die Spielenden legen dazu eine standbildhafte Posen-Choreographie hin. Und: Ein junger Mann spielt ein Klavierstück, zwei Personen spazieren Arm in Arm und werden per Kamerafahrt gefilmt, die gleichzeitig auf eine durchsichtige Leinwand übertragen wird. Auf der Projektion wirkt es, als würden sie ihre eigenen Texte lip-synchen. Ein Spiel mit 2D und 3D.

Auch den Dialogen selbst ist schwer zu folgen, wer da jetzt mit wem und wieviel und warum. Was man raushört: Es geht oft um Geld, darum, keins zu haben und wie man das ändert, davon, wie man Geld und Liebe vereinbaren kann, ad absurdum geführt am Beispiel der Prostitution. Eine klare Aufteilung entsteht erst durch Jorgos, den griechischen Gastarbeiter, der wie zufällig durch eine Seitentür die Bühne betritt und damit in das Universum der anderen Spielenden. Ab jetzt wird Jorgos ein gemeinsames Gesprächsthema, Feindbild, Projektionsfläche für alle, ohne aber wirklich da zu sein. Manchmal sitzt er sogar direkt daneben, wenn die anderen über ihn herziehen. Es geht um Ressentiments, um Fremdenhass. Das Stück endet in einer Eskalation. Jorgos wird von den anderen jungen Männern in einer Choreographie zusammengeschlagen, während eine junge Frau das Lied “Come Wander With Me” singt. Dann Abspann. Ende.

Ich kenne Fassbinder nicht und habe auch noch keinen seiner Filme gesehen. Fassbinders “Katzelmacher” ist ein Theaterstück aus dem Jahre 1968. Ein Jahr nach der Uraufführung verfilmte Fassbinder das Stück und schaffte so seinen Durchbruch als Regisseur. Der Originalfilm ist im oberen Foyer bei der Bornemann Bar zu sehen.

Als ich mir dann gestern Nacht Auszüge aus dem Film angesehen habe, war ich doch sehr überrascht, wie sehr das Stück dem Original nachempfunden ist. Fassbinders Filmsprache und seine Kunstgriffe wurden zum großen Teil sehr professionell nachgeahmt. Der Originalfilm ‘Katzelmacher’ wird von vielen als Kunstprodukt hochgelobt. Fassbinder schaffte ein Milieudrama, indem sozialpolitische Themen wie Kapitalismuskritik und Fremdenhass durch seine verfremdenden Mittel gleichzeitig nah und doch distant wirken.

Durch die Nähe zum Original fallen einige Unterschiede umso deutlicher auf:

Da wäre zum ersten natürlich das eingeblendete Motto. Der Titel eines berühmten Songs von Notorious B.I.G., einem schwarzen Eastcoast-Rapper aus den USA, in dem es um Konkurrenzkampf im Kapitalismus geht, sowie schwarzer Erfolg gefeiert wird. Warum dieses Zitat jetzt für die gestrige Produktion verwendet wurde, erschließt sich mir nicht. Auch das Wort “Bitch” schlägt in diesem Zusammenhang einen Gangsta-Rap-Ton an, der vor allem als starkes Identitätssymbol der Hip-Hop-Kultur der 90er bekannt ist. Wie passen dazu die eingespielten Lieder “Young Man Blues” und “Come Wander With Me” in das Konzept? Sie stammen wieder aus einer anderen Zeit. Und warum war (paraphrasiert) “früher alles besser für junge Männer und heute hat der alte Mann das Geld”? Ist das eine Anspielung auf Jugendarbeitslosigkeit, z.B. in Spanien, Griechenland, aber auch in Deutschland? Die Wirkung der Posen-Intermezzi während dieses Liedes hat sich mir nicht erschlossen. Sehr auffällig war auch die Ersetzung des Wortes “Kommunist” mit dem Wort “Salafist”. Dann Euros anstatt D-Mark. Die moderne Kleidung. Die Smartphones. All das gab es nicht im Original.

Was sollten diese Veränderungen bewirken? Sollte das Stück durch die Verwendung moderner Kostüme und Requisiten und der Veränderung einzelner Wörter in die heutige Zeit versetzt, aktuell gemacht werden? Dann hätte ich eine klare Aussage ablesen können: Nämlich, wie wenig sich verändert hat seit 1969.

Andererseits wurde dieses mögliche Konzept auch nicht konsequent umgesetzt:

Warum sitzen die Spielenden dann in einem roten Cabrio auf der Raststätte vor einem Motel, wo im Hintergrund ein Buchstabe der Leuchtschrift flackert? Dieses Bild assoziiere ich mit einem amerikanischen Roadmovie aus den 70er oder 80er Jahren. Warum gehen die jungen Menschen “in die Wirtschaft”, wo sie an Holztischen Bier aus Tulpengläsern trinken? Für mich ist das nicht gegenwärtig. Wie kommt es zu der Entscheidung für das Wort “Salafist”? Mit dem Zaunpfahl nach PEGIDA winken? Das finde ich als modernen Bezug dann ziemlich platt.

Ging es darum, ein Theater-Remake in HD und in Farbe von einem Schwarzweiß-Film aus den 60ern zu schaffen? Es irritiert mich, dass das Original augenscheinlich weitgehend kopiert wurde, anstatt die interessante Stimmung, das Spiel mit Realität/Nichtrealität durch die besondere Filmsprache Fassbinders mit eigenen Mitteln zu bearbeiten. Worin, habe ich mich gefragt, bestand die eigene Auseinandersetzung mit dem Stoff, mit dem Film und mit Fassbinders Erzählung?