KATZELMACHER:
DIE SECHZIGER JAHRE SIND
NICHT VORBEI

von Nils Brunschede

An die Dachkammer der Dresdner Bürgerbühne erinnert noch die Leinwand. Deren obere Ecken sind abgeschrägt wie bei einem Trapez, als hätte sie unter eine Dachschräge passen müssen. Auf diese Weise entsteht auf der Seitenbühne der Berliner Festspiele ein seltsames Engegefühl. Fast ist es, als hätten es die Dresdner geschafft, den Ort, an dem sie ihr Stück normalerweise aufführen, einzupacken, und zum Theatertreffen der Jugend zu bringen. Und, wer weiß, vielleicht wirkt es hier in der Fremde sogar intensiver, wenn der Raum über die Leinwand hoch aufragt.

Von Fassbinders „Katzelmacher“ weiß ich kaum etwas, habe nur die vage Vorstellung, dass darin eine Gruppe junger Erwachsener mehr oder weniger trostlos ihr Dasein in der Großstadt fristet. Die Inszenierung beginnt mit einer Video-Projektion: Eine junge Frau an steigt an einer Tankstelle in ein Auto. Auch die Kamera transportiert Enge. Close-Ups in HD zeigen das Handeln der Protagonisten wie unter der Lupe. Dennoch sind es keine Alltagsbilder. Vielmehr übewiegen Stilisierung und Verfremdung: Plötzliche und folgenlose Ohrfeigen, minutenlanges Schweigen, standbildhafte Umarmungen.

Vor die Video-Projektionen treten nun Figuren auf die Bühne, sprechen Sätze in einer Art künstlichem Dialekt. Worüber sie sprechen, ist anfangs schwer verständlich. So auch das Verhältnis der Spielenden zu ihren Ebenbildern auf der Video-Projektion: Mal überlappt sich das Handeln, mal unterscheidet es sich signifikant. Als sei es damit nicht genug, gesellen sich zu dem durchlaufenden Video auf der Leinwand alsbald weitere Projektionen, die zwei Spielende von einer Live-Kamera auf der Bühne auf eine lichtdurchlässige Leinwand im Vordergrund übertragen.

Die Verwirrung ist aber nur von kurzer Dauer. Das komplexe Beziehungsgefüge klärt sich trotz fehlender Exposition. Das gibt den Blick darauf frei, wie präzise die Inszenierung vorgeht: Sätze, Blicke und Bewegungen auf der Bühne sind genau getaktet. Durch die Überkreuzung mit den Video-Projektionen weitet sich der Raum der Bedeutung. Die Beklemmung bleibt gleich, wird nun aber bewusst wahrgenommen, gleichsam in all ihren Facetten ergründet: Beklemmend schnell verfliegt jeder Anflug von Emotion  aus den Gesichtern der Handelnden. Sehen sich die Figuren an, scheinen die Blicke haarscharf aneinander vorbeizugehen. Sie sind versunken in Lethargie. Dennoch sind sie keine Gefangenen in einer existentialistischen Hölle. Mangel beherrscht ihr Leben, nicht aber totale Leere, Kargheit, nicht Sinnlosigkeit. So bleibt das Stück – in all seiner Stilisiertheit – einem realistischen Ansatz verpflichtet. Das Stück Katzelmacher wirkt wie die Wiederbelebung dieses vergessenen, beschädigten Lebens. Die sechziger Jahre, sagt es, sind nicht vorbei. In ihm dehnt sich die Zeit so sehr, dass es wehtut. Es herrschen Stille und Selbstgespräche. Eine zeitlose Atmosphäre.

Nach ungefähr der Hälfte des Stücks taucht Jorgos auf, ein griechischer Arbeitsmigrant. Er ist ein Fremder für die Gruppe, der doch, so wird schnell klar, unter den gleichen Zwängen steht, wie alle anderen. Aber Jorgos ist immer schon da gewesen, darin besteht die Pointe des Stückes. Wir haben Jorgos schon auf der Videoleinwand gesehen, bevor er in der Mitte des Stückes die Bühne betreten hat. Das Fremde hat schon immer zu uns gehört – wir sind das Fremde.