Ist eben so

… aber wir machen weiter. ORPHEUS OPTIMAL vom Jungen Ensemble der Neuköllner Oper tänzelt leichtfüßig um alle Hindernisse. Zum Finale des 40. Theatertreffens der Jugend.

Große Erwartungen werden aufgebaut. Großartige Kostüme soll es geben, von Gaultier mit Einflüssen von Gucci und Versace. Eine  spannende Handlung, unterhaltsam, alles dabei. Die Geschichte von Orpheus und Eurydike soll gesungen und gespielt werden, aktualisiert und ganz neu: ORPHEUS OPTIMAL eben. Das Problem ist zunächst nur, dass das Ensemble kein eigenes Bühnenbild hat.

Zack, Match, Boom – als hätte das Junge Ensemble der Neuköllner Oper aus Budgetgründen nicht nur das Bühnenbild, sondern kurz auch den Wortschatz des gestrigen Ensembles übernehmen müssen, wird die Geschichte, wie sich Orpheus und Eurydike kennenlernen, einfach eingedampft. Sie haben sich über eine Dating-App kennengelernt und nach einer awkwarden ersten Chaterfahrung verliebt. Das Ensemble spielt den Anfang der Geschichte mit Gesangs- und Beatbox-Einlagen nach, jede*r übernimmt sowohl die Rolle von Orpheus als auch die Eurydikes. Dabei wird mit der Vorgabe eher lässig umgegangen und die Angebetete auch gerne mal „Euriditsche“ genannt.

Aber nachdem dramatisch überzeichnet der Tod Eurydikes durch Schlangenbiss verkündet wurde, meldet sich plötzlich auch der Protagonist ab, Orpheus selbst. „Trauerfall in der Familie“. Ein besonders interessantes Detail – um wen, wen nicht um Eurydike, könnte es gehen, wenn direkt nach der Bekanntgabe von Eurydikes tragischem Tod bekannt wird, dass Orpheus wegen eines Trauerfalls nicht am Stück teilnehmen kann? Die Vorlage besteht also weiter – außerhalb dieser Inszenierung. Irgendwo steigt der schicksalhaft verliebte Orpheus noch in die Unterwelt. Nur eben nicht hier. Hier steigt das Ensemble nach kurzer Resignation und einer langen Trauerphase in die Theater-Unterwelt, um ihre Aufführung zu retten. Die Unterwelt ist ganz wörtlich genommen der Raum unter den Zuschauer*innenrängen. Das Tempo des Textes wird dabei permanent aufrecht erhalten von klug gesetzten Pointen, die auf die Aufführungssituation und die prekäre Budgetierung des Jugendclubs verweisen. Diese sind vermutlich auch sehr ernst gemeint.

Eurydike taucht dann auch nicht selbst auf – nur durch gewaltige Lockenperücken und durchscheinende weiße Capes, die antiken Gewändern ähneln. Getragen werden sie nicht von einer Person, sondern vom ganzen Ensemble. Schließlich werden sie auf eine längliche Kartonbox drapiert. Zusammen mit dem (sehr berechtigten) Hinweis, dass Eurydike in der Vorlage kaum spricht, ist diese Pappkameradin eine sehr intelligente Metapher für die klischierte, hohle Frauenfigur der Vorlage, von der sich das Ensemble geschickt löst.

Quer zum Klamauk stehen immer wieder Geschichten, die aus der Haupthandlung herausfallen. Als es um Orpheus‘ Trauer um Eurydike geht, tritt ein Ensemblemitglied an die Rampe und erzählt von einem Abschied an einem Flughafen, von einem letzten Bild, das sich eingebrannt hat. Ob es sich dabei um eine persönliche Geschichte handelt, bleibt unklar, ist aber auch nicht wichtig. Durch diesen kleinen Bruch wird deutlich, was am Mythos zeitgemäß ist – die Erzählung vom Hadern mit dem Abschied, der dann doch nicht revidiert werden kann.

Das Geschehen auf der Bühne zeigt in einem Kippbild einerseits die tragische Handlung der Vorlage und andererseits eine viel harmlosere, zeitgenössische Variante: Der Ersatz-Orpheus, verkörpert ebenfalls vom ganzen Ensemble, folgt seiner „Euriditsche“ in einen Club (die „Unterwelt“), entscheidet sich dann aber doch, von ihr abzulassen. Keine schicksalhafte wahre Liebe, kein tragischer Tod, nur jemand, der im Club bleibt, während jemand anderes sein Leben weiterlebt. Kein Happy End, sondern ein so what. Die Gelassenheit speist sich nicht aus einer Skepsis gegenüber romantischer Liebe, gegenüber althergebrachten Geschlechterrollen und großen Mythen, sondern aus der Gewissheit, dass dies alles schon überwunden ist, zumindest für einen Theaterabend. Und Platz gemacht hat für das Jonglieren mit Pointen, für Slapstick, Klamauk, die Begeisterung fürs Theater, Livemusik, die Lust am Trotzdem-Weitermachen. Manchmal sind die Dinge eben so, wie sie sind. Aber alle scheinbar unüberwindbaren Hindernisse lassen sich durch die pure Spielfreude des Ensembles einschläfern wie wilde Tiere von Orpheus‘ Musik.

 

Vielen Dank für ein großartiges 40. Theatertreffen der Jugend.

 

Ansgar Euriedißer