J. K. Rowling ist problematisch – und jetzt? Zu der Repräsentation in „Harry Potter“

Vor mehr als zwanzig Jahren wurde Harry Potter und der Stein der Weisen veröffentlicht und noch heute ist das Harry-Potter-Universum in aller Munde. Die Bücher stehen in unseren Regalen und Heiligtümer-des-Todes-Tattoos sitzen unter unserer Haut. Runde Brillen sind jetzt Harry-Potter-Brillen und rothaarige Menschen sind Weasleys.

Die von J. K. Rowling erschaffene Welt lungert in unserem Unterbewusstsein und hüpft immer wieder hervor: Erst vor wenigen Tage habe ich meine Instagram-Follower*innen darüber abstimmen lassen, welchem Hogwarts-Haus sie mich zurechnen (und durfte erfahren, dass mich ernsthaft einige für eine*n Gryffindor halten…).

Auch das TJA ist kein Potter-freier Raum – einige von euch Teilnehmenden erwähnen J. K. R. als ihre Lieblingsautorin. Und so manches abendliche Gespräch in der Kassenhalle kommt zum Schluss, dass die Bedeutung von Coldmirrors Harry Podcast in seiner Rolle als Gegenspieler zur profitgeilen, medial-digitalen Welt liegt. Wir lesen, träumen und schreiben über Harry Potter.

Und: wir sollten anfangen, genauer hinzuschauen. Meine wohlüberlegte These: J. K. Rowling hat kein gutes Händchen für gelungene Repräsentation und manche ihrer Meinungen sowie Teile der Harry-Potter-Reihe lassen sich als #problematic bezeichnen. Ich möchte einige Beispiele beleuchten und unangenehme Details teilen, von denen ich glaube, dass alle Harry-Potter-Fans sie kennen sollten.

Das hier soll allerdings kein hysterischer Fingerzeig-Beitrag werden. Daher auch die überspannende Frage – und jetzt? Was tun mit diesem Wissen? Wie gehen wir damit um, dass unsere Lieblingsautorin immer wieder Ideen einbringt, die uns mit den Zähnen knirschen lassen? Wie können wir konstruktiv kritisch damit umgehen? Ist es möglich, die Welt Harry Potters weiter so tief zu lieben, nachdem wir ihre Repräsentations-Fauxpas unter die Lupe genommen haben?

Spoiler: Ich habe noch keine hundertprozentige Antwort finden können. Bin aber sehr, sehr hier dafür, weiter dazu zu lernen und mich mit euch auszutauschen!

Note: Ich werde u. A. transphobe Kommentare, HIV, Rape, rassistische Karikaturen, Fatphobia, Be_hindertenfeindlichkeit und Online-Diskurse im Allgemeinen ansprechen.

Was zuvor geschah

 

 

Natürlich wurde auch meine Kindheit und Jugend von dem Harry-Potter-Universum geprägt. Es tat gut, mich in dieser Welt, in ihren Details zu verlieren. Durch Harry Potter fand ich Freund*innen, fand ich Smalltalk-Themen, fand ich ein facettenreiches Hobby. Weltliterarische Texte – wer? Ich schrieb Wolfstar-Fanfiction und führte einen Tumblr-Blog über queere Headcanons. Meine intensivste Potterhead-Phase mag abgeklungen sein und dennoch ist es keine drei Monate her, dass ich Teil einer vollständigen Weasley-Familien-Cosplaygruppe war (und wer meine Figur richtig errät, dem*der gebe ich einen Ballisto aus). Zweifellos ist das Franchise mit meinem Leben verwoben.

Meine bedingungslose Liebe zu Harry Potter erhielt erste Risse, als J. K. Rowling begann, enthusiastisch Hintergrundinformationen zu ihrer Welt auf Twitter zu posten. Als sie anfing, Pottermore mit Details über Figuren zu füttern und dadurch der Raum für freie Fan-Konstruktionen immer schmaler wurde.

Als ich dann das Skript von The Cursed Child las, ergriff mich das erste Mal das Gefühl völliger Ratlosigkeit. Das war nicht meine Welt, das war nicht die gewohnte Qualität, das wirkte fremd. Einer vierzehnjährigen Person hätte ich für diese Geschichte auf die Schulter geklopft – ein guter Start, da lässt sich noch viel machen. Aber J. K. Rowling selbst? Sie dafür feiern, dass sie eigens festgelegte Prämissen ihres Universums über den Haufen warf, einen wirren Plot zimmerte und plötzlich Bellatrix und Voldemort shippte? Es blieb ein bitterer Geschmack zurück und die Frage, wie viel Geldgier hinter dem Projekt steckte.

Verdrängung war allerdings noch gut möglich – ich liebte sieben Bücher und acht Filme und dass The Cursed Child mehr so… nicht so… war, vermochte das nicht zu ändern. (Außerdem gab es genug gute Fanfictions über die Next Generation, die sich dagegen entschieden hatten, Queerbaiting zu ihrem Kernstück zu machen.)

Warum ich hellhörig wurde

 

Der erste Fantastic-Beasts-Film war… in Ordnung, ich hatte Spaß, wurde aber nicht direkt vom Hocker gerissen. Neben Harry Potter waren neue Interessen, neue Bücher, Filme, neue Universen hinzugekommen, die mich bewegten und der Auftakt des Spin-Offs traf nicht mehr direkt in mein Herz.

Was mich dann doch aufrüttelte: 2018 wurden plötzlich Stimmen auf meine Timeline geschwemmt, die behaupteten, J. K. Rowling sei ein Terf. Während der letzten Jahre hatte J. K. R.s heiliger Thron in meinem Kopf bereits angefangen zu wackeln, sodass es mir „dann auch egal“ war, und ich mich in die Vorwürfe hineinwarf.

J. K. R. hatte mehrere transphobe Tweets geliked: Trans Frauen seien eine Gefahr für cis Frauen, im Gefängnis, auf öffentlichen Toiletten, in feministischen Bewegungen. Einige der Tweets nannten trans Frauen direkt „rapists“. Ihre Sprecherin entschuldigte sich damit, dass die Autorin einen „clumsy and middle-aged moment“ gehabt hätte (es sei nicht das erste Mal, dass sie aus Versehen einen Tweet geliked hätte und so). 

Nur leider folgt Rowling auch noch ein Jahr später Magdalen Berns, deren Tweets vor Transmysoginie nur so strotzen: Eine trans Frau zu sein, wäre auch nur eine Form von Blackfacing und eine Art Fetisch. Weitere Zitate möchte ich euch hier ersparen – und ich werde meine Zeit auch nicht darin investieren, Leser*innen dieses Artikels zu erklären, warum diese Meinungen so sehr verletzen

Es schmeckt bitter, dass ich nicht in der Lage war, mich über diese neuen Erkenntnisse aufzuregen. Ein weiterer Terf, okay. Jetzt halt J. K. Rowling. Die Strichliste wächst. Müdigkeit. Resignation. Irgendwo etwas Rebellisches – wenn Rowling wüsste, dass ich eine gute Portion meiner Jugendzeit damit verbracht hatte, meinen Tumblr-Blog mit Ideen über transgeschlechtliches Harry-Potter-Figuren Headcanons zu füttern, wenn sie wüsste, wie viele Klicks diese Posts bekommen hatten!

Ich schloss Twitter, mit J. K. R. als meiner Heldin ab und fuhr zur Arbeit. Vorher fix meine Ravenclaw-Mütze aufgesetzt, es war ja ziemlich kalt draußen.

Wenn ich ein*e Autor*in cancele, muss ich dann auch sein*ihr Werk canceln?

 

 

Nehmen wir an, J. K. Rowling ist tatsächlich transphob und nicht nur „ungelenk und mittleren Alters“ (wobei, hm, das dürfte sich auch überlappen). Dann möchte ich ihr weder auf Social Media folgen, noch möchte ich mich näher mit ihr und ihren Meinungen auseinandersetzen. Die besagte Strichliste zu führen, heißt mich von Frustrationsquellen freizumachen. Sie entlastet mich: Befreit mich von Menschen und aggressiven Diskursen, denen kein Raum in meinem Leben zustehen soll – Vorbeugung, ich will mich nicht verletzen lassen.

Doch wenn ich beschließe, mich nicht mehr mit J. K. Rowling zu beschäftigen, weil es mir ihre Meinungen (oder die, von denen ich annehme, dass sie sie besitzt) bitter aufstoßen: Was tue ich dann mit Harry Potter? Müsste ich das Universum komplett aus meinem Leben verbannen, um meinen Woke-Status nicht zu verlieren? Was soll ich mit den Büchern, den DVDs, den VHS-Kassetten, den Zauberstäben, den Plakaten, den Uniformen, mit dem selbst gebauten Quidditch-Besen tun? Verbrennen? Was passiert mit meinen Freund*innenschaften, meinen Gesprächen, meinen Bios und meinen Blogs, wenn ich sie von sämtlichen Harry-Potter-Themen befreie? Und: wie soll ich meiner Oma erklären, warum ich den von ihr gestrickten Hogwarts-Schal weggeworfen habe?

Der Streit, ob wir Kunst von ihren Künstler*innen und Texte von ihren Autor*innen trennen können, lässt sich ewig fechten. Möchte ich z. B. ein Buch von einem Menschen lesen, von dem ich weiß, dass er rassistische Positionen vertritt? Was, wenn mir das Buch gefällt? Darf ich es gut finden und weiter empfehlen, vielleicht weil darin kein offener Rassismus mitschwingt? Oder funktioniert solche Lektüre ausschließlich kritisch und mit konkreter, nachbereitender Auseinandersetzung? Welcher Konsum von Medien gilt als moralisch vertretbar? Muss Kunst, muss Schreiben moralisch vertretbar sein?

In diesem Zug stellt sich die Frage: Wie #problematic ist Harry Potters Welt?

 

 

Sieben Bücher, zahlreiche Nebenwerke, einen Online-Kanon und multiple, dazugehörige Film-Franchises: Ein einzelner Mensch könnte sich wohl jahrelang daran abarbeiten. Meine mehrbändige Essay-Anthologie über Harry-Potter-Thematiken ist selbstverständlich in Vorbereitung. Heute beschränke ich mich aus Zeitgründen allerdings auf die Frage, wie sich J. K. Rowlings Repräsentationsversuche bewerten lassen. Zeigt sie privat terfige Anwandlungen, aber ist das vielleicht gar nicht so schlimm, weil das von ihr geschaffene Universum vor gelungener Diversität nur so strotzt?

Bei J. K. R. ist es wichtig, zwischen ihrem eigentlichen, gedruckten Kanon und allem, was sie später online und in Interviews angefügt hat zu unterscheiden. Ihre Lieblingsstrategie scheint jene zu sein, den gedruckten Kanon „vorsichtiger“ zu gestalten und im Nachhinein zu erläutern, dass sich dahinter mehr Diversität versteckt, als vordergründig erkennbar. Ich möchte einige Fälle aufzählen, aus denen offensichtlich wird, warum dieses Vorgehen ungünstig ist. Dieser und dieser Artikel gehen auch noch einmal auf ihre „Methode“ ein.

Rowlings berühmtestes Hinterher-Repräsentation-Beispiel mag Albus Dumbledore sein: Dass er schwul sei, verriet sie erst nach Abschluss der Serie.  Dass Dumbledores Sexualität in den Büchern nicht explizit erwähnt wird, war damals vielleicht noch verständlich (2000er und so, alles pikant), aber auch im zweiten Film der Fantastic-Beasts-Reihe sehen wir nicht viel von der „leidenschaftlichen […] Liebesbeziehung“, die sich laut Rowling zwischen Grindelwald und Dumbledore abgespielt haben soll. 

Meine Überzeugung: Es ist keine schwule Repräsentation, wenn sie durch Interviews erklärt werden muss. Es ist keine Repräsentation, wenn Menschen den Film sehen können, ohne zu bemerken, dass eine nicht-hetero Beziehung darin vorkommt. Es ist anstrengend, es ist ermüdend, sich als queere Person mit den kleinsten Details zufrieden geben zu müssen, weil alles darüber Hinausgehende ja das cishetero Publikum verstören könnte. Mein Subtext-Radar ist über die Jahre so leistungsfähig geworden, dass ich locker als Nachtsichtgerät für einen Geheimdienst arbeiten könnte.

Aber vielleicht möchte ich das gar nicht. Vielleicht möchte ich einfach, dass LGBT-Figuren für jede*n ersichtlich als solche existiere dürfen. Vielleicht würde ich mir auch wünschen, dass J. K. R.s einziger queerer Repräsentationsversuch nicht zwei Männer betrifft, die sich in in ihrer Jugend für totalitär-rassistische Ideologie begeistern konnten und von denen einer später der BöseTM wird. Und dann ist Rowling auch noch „happy“, dass Grindelwald von Johnny Depp gespielt wird… aber das ist ein anderes Thema. 

(Nachtrag: Ich Dussel vergaß – selbstverständlich gibt es eine schwule Anmerkung in Harry Potter und der Orden des Phönix (Film). Dudley fragt Harry, ob Cedric sein Freund („boyfriend“) gewesen sei, und ob Harry deswegen so viele Albträume hätte. Harry wird von Big D und seiner Bande weiter schikaniert und schließlich vom Spielplatz verjagt. Nun. Das ist natürlich die angstbefreiende Szene, das ich mir als queeres Kind immer gewünscht habe.)

Weitere Ernüchterung

 

 

Bleiben wir kurz bei einem durchaus queeren Thema: Remus Lupin gehört zu den beliebtesten Figuren in der Welt Harry Potters. Er ist ein ein talentierter Lehrer, wird und bleibt eine Vertrauensperson für Harry und seine Freunde, er ist freundlich und mitfühlend. Und: Er ist ein Werwolf.

Um niemanden zu verletzen, nimmt er monatlich einen Zaubertrank zu sich, der es möglich macht, dass er sich auf eine harmlose Weise verwandeln kann. (Während seiner Jugendzeiten wird er von seinen besten Freunden „in Schach gehalten“, die u.a. seinetwegen zu Animagi geworden sind).

Remus hat Schwierigkeiten, aufgrund seiner Lycantrophie eine Arbeitsstelle zu finden und als seine Krankheit in Hogwarts bekannt wird, muss er die Schule verlassen. Ich fand die Zerrissenheit zwischen seiner „guten“, menschlichen Persönlichkeit und seinem „bösen“ Werwolf-Dasein oft ein wenig plakativ dargestellt, hatte aber nie ein größeres Problem damit.

Bis – ihr ahnt es schon – sich Rowling selbst zu Wort meldete. 2016 erklärte sie, Remus Leiden sei eine Metapher für stigmatisierte (Muggel-)Krankheiten.  Wichtig! Wir müssen Tabus aufbrechen, gerade gesundheitliche! Wir brauchen mehr literarische Figuren, die stigmatisierten oder chronischen Krankheiten haben und ebenso komplex sind wie vermeintlich gesunde Figuren. Nur leider nannte Rowling im gleichen Zuge HIV als Beispiel.

Hm. Stigmatisierung thematisieren, indem gezeigt wird, wie betroffene Personen von der Gesellschaft ausgegrenzt werden – okay. Aber die Person durch eine Krankheit zu einem Monster werden lassen, dass andere Menschen brutal ansteckt, verletzt und einstweilen tötet? Ist vielleicht nicht so cool. Gerade im Kontext eines Virus, der vor allem die LGBTQIA-Community betroffen hat und betrifft; eine Community, die mit dem Vorurteil zu kämpfen hat, Kinder und Jugendliche mit ihrer Nicht-Cishetness „anzustecken“.

Zum Vergleich: Remus Lupin wurde im Alter von fünf Jahren von Fenrir Greyback im Schlaf überfallen und gebissen. Eine Vergewaltigungsparallele ist unverkennbar, zumal Greyback im Verlauf der ganzen Serie ähnlich blutdürstig auftritt. Ich weiß nicht, ob ich es noch einmal ausformulieren muss, aber: Aids wurde und wird in den allermeisten Fällen nicht von krank-raubtierhaften (LGB-)Personen auf wehrlos-unschuldige Gesunde übertragen, und ebenso selten während einer Vergewaltigung.

Warum lernen wir beispielsweise nicht einen zweiten, freundlichen Werwolf kennen? Warum muss Remus von Snape abhängig sein, um sein Medikament/Zaubertrank zu erhalten? Snape, der auf Remus herabblickt, ihn verabscheut und letztendlich dafür verantwortlich ist, dass Remus seine Lehrposition aufgeben muss. Warum ist es nötig, alle restlichen Werwölfe als amoralisches Kollektiv darzustellen, das sich letztendlich Voldemort anschließt?

Das ist keine Metapher für Stigmata mehr. Menschen, die von Aids oder anderen tabuisierten Krankheiten betroffen sind und keinen Zugang zu Medikamenten haben, werden nicht brutal, blutrünstig, böse, Unterstützer*innen totalitärer Regime. Rowlings Metapher krankt. Ihre Werwölfe werden als gruselige fiktive Monster beschrieben, sie machen Angst, die Lycantrophy macht Angst und Angst ist kein guter Weg, um Stigmata zu bekämpfen (falls das überhaupt ihre Intention war).

Wenn ich als Leser*in mehrere Artikel lesen muss, um zu verstehen, wie sich ihre Werwolf-Aids-Blutübertragene-Krankheiten-Analogie verästelt, auflöst und ihr Ziel verfehlt, dann ist diese Analogie unwirksam. Auch hier: Lieber explizit erwähnen, statt hinterher und hintenrum erklären.

Religion in Hogwarts

 

 

Auch in weiteren Aspekten folgt J. K. R. ihrem „ich erwähne es mal nicht im Buch, aber es war immer da“-Konzept: Als ein Fan sie auf Twitter fragt, ob es in Hogwarts Juden und Jüd*innen gab, erwähnt Rowling, dass Anthony Goldstein, ein Schüler in Harrys Jahrgang, jüdisch gewesen sei. Soweit, so gut. Nur warum bemerken wir in den Büchern nichts davon, dass es auch Figuren gibt, die nicht christlich-atheistisch leben?

Hogwarts, eine fiktive Zaubereischule, orientiert sich beispielsweise stark an christlichen Feiertagen – Weihnachten wird opulent gefeiert, Ostern erwähnt. Auch kein Problem, bestimmt haben sich die magische Welt Harry Potters und die christliche Welt untereinander beeinflusst. Zumindest wird es genug Muggelgeborene geben, die aus dem britischen, christlich-geprägten Kulturkreis kommen.

Nur ist es eine verlorene Chance, dass Rowling kaum den Versuch gewagt hat, andere Muggelreligionen gleichgestellt einzubinden. Wie liefen beispielsweise Chanukka, das muslimische Opferfest, Ramadan und verschiedene Neujahrsfeierlichkeiten in Hogwarts ab?

Halt – na klar hat J. K. R. erwähnt, dass die einzige Glaubensrichtung, die sie sich in Hogwarts nie vorgestellt hätte, Wiccans seien. Super! Dürfen wir das auch im Buch lesen oder brauchen wir dafür erst einen Twitteraccount?

Um zu erwähnen, dass eine Figur ein Kopftuch trägt, braucht nicht mehr als einen Nebensatz. Genauso schnell kann eine Menora im Gemeinschaftsraum angezündet werden. Vielleicht müssen sich Harry, Ron und Hermine bei einem ihrer nächtlichen Schuljahresendabenteuer vor einer Gruppe muslimischer Schüler*innen verstecken, die plötzlich aus der großen Halle kommt, weil sie dort noch zu Abend gegessen hat? Die Patils werden durch ihren Name vage als Hindu gecoded – das könnte leicht bestätigt oder dementiert werden. Konkretisieren, bitte!

Solche religiös-gläubigen Details gehen schnell und tun nicht-christlichen Leser*innen gut. Indem sie in ihrem eigentlichen Werk nur christliche Motive erwähnt, reproduziert J. K. R. das Bild des Christentums als Normalentwurf. Ein Kind, dass überall im Alltag erleben darf, dass seine Religion als „anders“ gilt, verdient es aber, sich selbst in einem Buch wiederzufinden – noch dazu in einer magischen Welt, in der alles möglich scheint. Es sollte nicht recherchieren müssen, ob ihm ein Platz in Hogwarts zusteht.

Ich möchte hier nicht weiter darauf eingehen, aber es gibt es auch noch einige gute Betrachtungsweisen zu Rowlings unterschwelligem Antisemitismus. Gerne mal hier reinlesen.

Harry Potter als weißes Universum

 

 

Ein weiteres großes Fass, dass ich hier weniger öffnen, als dass ich einmal hineinspähen möchte, ist die Repräsentation von nicht-weißen Figuren im Harry-Potter-Universum – schwarze Charaktere, Charaktere of colour, indigene Charaktere.

Wie sagt es zum Beispiel über die Selbstreflektiertheit einer weißen Autorin, wenn sie eine asiatische Figur Cho Chang benennt – ein Kombination, die durchaus als zwei Nachnamen gelesen werden kann? (Gut: dieser Essay, der auch auf die stereotype Darstellung von Cho als asiatische Teenagerin eingeht. Spoiler: Nein, dass Harry 14 Jahre als war, als er sich in Cho verliebt hat und sein Blickwinkel dadurch verzerrt wurde, ist keine Ausrede.)

Auch um Voldemorts spätere Schlange Nagini, die seine Dienerin und zugleich einer seiner Horkruxe ist, entflammte letztes Jahr eine Diskussion: Aha, die Schlange war dann plötzlich doch eine mal eine menschliche Frau gewesen. Damit gehört sie zu den wenigen Charakteren of colour im Fantasic-Beasts-Spin-Off. Nur: Als wie gelungen können wir diese Repräsentation einschätzen?

Nagini wandelt sich immerhin von einer asiatischen Frau in eine mörderische Schlange, in eine Sklavin ohne Stimme, in die Sklavin eines weißen… sagen wir: Nazis. Aus den Büchern und Filmen ließ sich nie erahnen, dass hinter ihr eine größere Geschichte zu vermuten sei. Nagini war ein Tier, ein Objekt, hatte keine eigenen Beweggründe. J. K. R. erwähnt, dass die Verwandlung von Nagini eine Anlehnung an die mythische Kreatur Naga sei (welche sie fälschlicherweise als indonesisch betitelt).

Fördert diese Figur eine ausgeglichene Repräsentation asiatischer Frauen im Filmbusiness? „Nicht jede asiatische Rolle muss gut sein!! Hab dich nicht so!! Charaktere im moralischen Zwiespalt sind auch Repräsentation!!“. Ja, guter Punkt. Nur leider gibt es im westlichen Mainstream eine ganz andere Anzahl von beispielsweise männlichen, weißen Figuren, als von asiatischen Frauenfiguren. Da fällt jede Ausprägung ganz anders ins Gewicht. Plump ausgedrückt – fällt das Gewicht in den Fällen Cho Chang und Nagini in keine gutzuheißende Richtung.

Rowling hat nicht nur die Naga in ihre Welt eingebunden, sondern auch sogenannte „Skin Walkers“, ein Mythos des indigenen, nord-amerikanischen Volkes Navajo. Es handelt sich dabei um Menschen, die sich in Tiere verwandeln können. Die Idee dürfte in vielen Kulturen existieren, und findet im Harry-Potter-Universum als Animagi Raum. Leider schreibt J. K. R. in ihrer „History of Magic in North America“-Artikelsammlung, dass die Skin-Walker-Legende ihren Ursprung in der Sichtung von Animagi hätte. J. K. R. hebt damit die Magie ihrer fiktiven Welt auf die gleiche Stufe wie die echten Traditionen einer marginalisierten, kolonialisierten Gruppe.

Ist das schlimm? Gilt da nicht die künstlerische Freiheit? Sollte es nicht okay sein, sich als weiße Person die Symbolik von indigenen Kulturen anzueignen – zum Wohle einer Geschichte? Ein wenig Übernehmen, ein wenig Aneignen?

Den Navajo gehören aktuell mehr als 300.000 Menschen an. Wie andere indigene Kulturen kämpfen sie immer noch für die reale Anerkennung ihrer Lebenswelten, kämpfen um ihren heiligen Grund und Boden. Wenn indigene Bevölkerungsgruppen in Mainstream-Geschichten immer wieder mit (historischer) Magie und Fiktion verwoben werden, spricht ihnen das ihre echten, zu respektierenden Forderungen ab. (Empfehlung: dieser Blog über Native Appropriation)

Zusätzlich ist da noch der große Diskurs, ob Hermine als schwarze Figur interpretiert werden kann. Rowling selbst sagt: „Hermione can be a black woman with my absolute blessing and enthusiasm. Cool! Gut, dass sie nicht rumstänkert, wenn Menschen finden, dass Hermines Haare und ihre braunen Augen ebenso gut dafür sprechen könnten, dass sie nicht weiß sei.

Die mitschwingende Frage ist allerdings: Wieso gibt es eine Handvoll Charaktere, die Rowling explizit als schwarze Repräsentation kennzeichnet (Dean Thomas, Blaise Zabini, Kingsley Shacklebolt), aber sobald es dann darum geht, ob Hermine eine schwarze Hauptfigur sein könnte, ist es für Rowling plötzlich eine Interpretationsangelegenheit, die sie ihren Fans freistellt? Figuren of Colour ja, aber halt nur so… die nicht wichtigen – höchstens, wenn das Fandom eine Diskussion dazu anregt?

Dass Rowling in dem Zuge Noma Dumezweni verteidigt, die schwarze Schauspielerin, die in The Cursed Child Hermine spielt, sollte selbstverständlich sein und kein Grund, die Autorin und das Harry-Potter-Universum als krass nicht-rassistisch zu feiern. Wirklich anti-rassistisch wäre Rowling, hätte sie von Anfang an schwarze und Hauptfiguren explizit als solche geschrieben. Im wahren Leben ist die ethnische Zugehörigkeit, Weißsein und Nicht-Weißsein auch keine Frage der Interpretation. Um mit großen Wörtern um mich zu schwingen: Eine Dekolonialisierung würde dem Harry-Potter-Universum sehr gut tun.

Die acht Filme sind beispielsweise über 1200 Minuten lang. Es wäre erfreulich, wenn mehr als fünf Minuten davon den Stimmen von People of Colour gegolten hätten. Hier gibt’s die mageren 0,47 Prozent nicht-weiße Sprechzeit.

Randbemerkung: „Schlechte“ Menschen haben so, so und so auszusehen

 

 

Neben dem gewichtigen Thema Race und Ethnie, trifft Rowling auch keinen guten Ton, wenn es um vermeintliche Schönheits„ideale“ geht: Rowling, warum sind deine sind deine dicken_fetten Charaktere, die mit den ekligen Haaren und den zu großen Nasen zumeist böse, amoralisch oder mindestens „komisch“? Warum taucht Akne nur dann auf, wenn die betroffene Person einen Geheimbund an die sadistische (und sehr pinke…) Lehrerin verraten hat?

Rowling schreibt z.B. keine guten dicken_fetten Figuren: Abgesehen von Molly Weasley (und Hagrid, einem Halbriesen), gehören diese immer zu Harrys Gegenspielern (z.B. die Dursleys, Crabbe und Goyle) oder haben so gut wie keine eigene Persönlichkeit (die fette Dame).

Dick_fett zu sein, ist bei J. K. R. nie ein beiläufig erwähnter Fakt, sondern fließt immer direkt in die Charakterisierung ein (die fette Dame). Sie reproduziert Diet Culture im Haus der Dursleys und stellt Harry als unterernährten Jungen direkt gegen die gierigen Karikaturen von Vernon, Dudley und Marge Dursley.

Bei Molly Weasley dient ihre „Pummeligkeit“ dazu, sie als mütterlich darzustellen. Bei Neville geht ein Gewichtsverlust sogar mit seiner Persönlichkeitsveränderung, seinem erstarkten Mut und seiner Widerstandskraft einher. Jacob Kowalski in Fantastic Beasts ist zwar eine gute Figur, aber auch sehr stereotyp – er hat eine Bäckerei, ist tollpatschig, etwas begriffsstutzig und ihm steht kein Happy End zu.

Und Menschen mit Be_hinderungen in der Welt Harry Potters? … Joah, nee. Wir finden Beispiele, bei denen magische Unfälle oder Folterung Charaktere geistig gebrochen haben (die Longbottoms, Gilderoy Lockhart, Ariana Dumbledore). Diese werden aber als traurige Einzelfälle betrachtet, führen ein sinnloses Leben oder sterben an ihrem Leid. So scheint es auch bei Credence gewesen zu sein – dass er doch überlebt, ändert wenig an der Darstellung seines tragischen Ende im ersten Fanastic-Beasts-Film.

Mrs. Figg und Filch sind Squibs; sie wurden in eine magische Familie geboren, haben aber selbst keine solchen Fähigkeiten. Was als Analogie zu einer Be_hinderung gelesen werden könnte, führt dazu, dass die beiden einsame, leicht verwahrloste Leben führen. Ist das wünschenswerte Repräsentation?

Aber in der Zauberer*innenwelt… da gibt es bestimmt keine Be_hinderungen… zumindest keine körperlichen, weil, die kann man ja wegzaubern.“ Ist das schon Euthanasie?

Wo sind die Muggelgeborenen Schüler*innen, die ratlos vor den großen Treppen stehen, weil sie diese nicht mit ihrem Rollstuhl erklimmen können? Wie kommen sie zu ihrem Kräuterkunde- oder Pflege-magischer-Geschöpfe-Unterricht, wenn der Weg dorthin nicht barrierefrei ist? „Hallo, verzauberter Rollstuhl?“ Guter Einwand – ich würde sehr viel lieber von magischen Mobilitätshilfen hören, als von Versuchen, Be_hinderungen wegzuhexen oder davon, wie die wenigen be_hinderten Menschen in Harry Potter ein trauriges Leben führen müssen.

Wir als Leser*innen verdienen es, über böse Figuren zu lesen, die nicht dadurch codiert werden, dass sie hässlich und entmenschlicht sind. Rowling – du musst nicht die gleichen Schönheitsideale wieder und wieder herunterleiern, nur um klarzumachen, dass eine Figur ein*e Antagonist*in ist. Wir sind in einer Welt aufgewachsen, die uns indoktriniert hat, dass wir schlank und schön zu sein haben, um als etwas zu gelten – wenn deine fiktives Universum in die gleichen Tasten haut, wird es schnell traurig.

Zusammenfassung: Was bei J. K. R blöd läuft

 

 

Hier stehe ich nun knapp 4.000 Wörter später. 4.000 Wörter über Rowlings cringey-liberale Anwandlungen, divers schreiben zu wollen und dann doch nur die gleichen Stereotypen zu reproduzieren. Das ist vor allem in den Fällen schade, in denen Rowling versucht hat, stigmatisierte und marginalisierte Perspektiven einzubinden. Sie nutzt Metaphern und Vergleiche, die im Sande verlaufen, weil sie nicht klar werden. Dadurch fällt der weniger hellhörigen Leser*innenschaft erst mal gar nichts auf. So viele vertane Möglichkeiten! Vielleicht liegt gerade dort der bittersüße Punkt: J. K. R. versucht es, kriegt es aber nicht gebacken.

Ich als weißes, nicht-be_hindertes, cishetero-erzogenes Kind habe beispielsweise nie gemerkt, dass in der Welt von Harry Potter etwas gefehlt hat. Ich hätte so viel von einem diverserem Figuren-Pool lernen können.

Die Bücher sind gedruckt, die Filme (so gut wie) abgedreht. Nachträglich lässt sich nichts veränd- naja. Ich habe Rowlings „Rückwärts-Repräsentations-Kniff“ bereits oben angesprochen und auch, dass dieser bei ihr fast immer zusätzliche Probleme, neben ihrem ursprünglicher Mangel an diverser Darstellung, aufwirft.

Vielleicht bräuchte J. K. Rowling einfach einmal fähige Berater*innen. Sie könnte sich bei den Gruppen informieren, die sie rückwirkend einbinden möchte. So könnte Rowling ihre Lebensrealitäten auf eine Weise thematisieren, dass jede*r Leser*in für diese sensibilisiert wird. (Kleiner Tipp für Jo, falls ihr das Geld fehlen sollte, diese Menschen zu bezahlen: nach ein wenig Recherche findet man online Own Voices7, die sich kostenlos dazu bereiterklären, ihre eigenen Perspektiven zu beleuchten.)

Wie viele von uns findet Harry in Hogwarts ein Zuhause. Wie viele von uns verdient er es, auf eine Schule zu gehen, deren Schulleiter offen schwul ist. Er verdient es, einen Lehrer in Verteidigung gegen die dunklen Künste zu haben, der offen über seine stigmatisierte Krankheit spricht und darüber, wie wichtig es ist, die Ängste davor zu rationalisieren. Er verdient eine loyale beste Freundin, die offen über ihre Rassismuserfahrungen sprechen darf (und nicht nur in Form einer Analogie, die den meisten weißen, jungen Leser*innen nie als Parallele zu strukturellem Rassismus aufgefallen sein dürfte). Harrys Mitschüler*innen verdienen es, die Feste zu feiern, die in ihren (Muggel-)Familien gefeiert werden und in ihren Schulbüchern nicht nur von weißen, westlichen Zauber*innen zu lesen.

Ich finde: Harry Potter lebt noch immer von den großen Themen. Freundschaft, Liebe, Solidarität, Widerstand in totalitären Systemen, Meinungsfreiheit. Die Geschichten prägten die Moralvorstellungen (nicht nur) einer Generation. Rowling hat eine blühende Welt erschaffen, in denen sich so manche*r versenken kann – auch ich mich! Es ist nur traurig, dass J. K. R. bei genauerem Hinsehen die gleichen Strukturen spiegelt, die in der Muggelwelt so grausam sind. Als Architektin einer fiktiven Welt stünde ihr jede Möglichkeit zu, diese Strukturen zwar zu thematisieren, sie aber aufzubrechen.

Was nun? Cancel culture mode activated?

 

 

Warum schreibst du diesen Artikel, warum musst du so Social-Justice-Warrior-mäßig unterwegs sein? Immer diese politische Korrektheit, diese Hetze heutzutage! Die lassen ja wirklich an nix ein gutes Haar! Und Rowling hat es doch immer hin mit Repräsentation versucht? Versteh nicht, warum du immer alles #canceln musst.

Nochmal: Will ich nicht. „Cancel Culture“ macht mich müde. Es erschöpft mich, wenn sich Menschen (digital) anschreien, weil irgendjemand vermeintlich problematische Inhalte unterstützt oder eine unliebsame Meinungen verkündet hat. Es hat mir wehgetan, lernen zu müssen, dass eine Autorin, die ich immer bewundert habe, die gleichen transphoben Meinungen hat wie jede x-beliebige Person, die ich auf der Straße treffen könnte. Es tut mir weh, all die wunden Punkte zu erkennen, die zum Vorschein kommen, wenn man sich die Diversität in Harry Potter näher anschaut.

Sollten wir also Harry Potter als Werk, als Universum auf das Regalbrett verschieben, das wir mit „fand ich mal gut, aber jetzt mehr so uff #problematic“ betitelt haben? Es zeigt so viele Schwächen, da darf man sich doch enttäuscht abwenden, oder nicht?

Ich habe mich persönlich trotzdem entschieden, das Harry Potter Universum nicht zu boykottieren – der Gedanke gruselt mich. Stattdessen halte ich die Diskussionen über und die Beleuchtung von seinen problematischen Inhalten für entscheidend. Es ist selbstredend komplett in Ordnung, wenn andere Menschen nichts mehr über Harry Potter und Rowling hören wollen – aus welchen Gründen auch immer. Am Wichtigsten ist, dass es euch selbst mit eurem Medienkonsum gut geht und dass ihr die Augen offen haltet.

Was können wir in unserem eigenen Schreiben besser machen?Jetzt: Mein Aufruf  

 

 

Wir müssen uns durch eine Menge Details wurschteln, bis wir bemerken – ja, bei Harry Potter läuft in Sachen Repräsentation etwas schief. Wie tief haben wir rassistische, homophobe und ableistische Konzepte internalisiert, ohne es zu bemerken? Und: wie können wir marginalisierte Menschen unterstützen und uns als marginalisierte Menschen empowern? Dürfen wir denn über Erfahrungen schreiben, die wir selbst nicht gemacht haben?

Ich finde: Neben der „guten Intention“ ist vor allem wichtig, ob die von mir erschaffene Diversität jenen zugute kommt, die sonst unterrepräsentiert werden. Streusele ich nur Eigenschaften über meine Figuren, damit ich mich selbst besser dastehen lassen kann? Dürfen meine Charaktere darüber sprechen, welche Erfahrungen sie, als die Menschen, die sie sind, gemacht haben? Habe ich vorher genug über Stereotypen gelernt, habe ich mich dafür bei Menschen umgehört, die tatsächlich zu spüren bekommen, wie sich bestimmte Vorurteile auf ihr Leben auswirken?

Fundamental ist das Verständnis dafür, dass nicht jede diskriminierte Person immer und über all zu ihrer Diskriminierung Rede und Antwort stehen möchte. Es bedarf Feingefühl, um zu bemerken, ob ein solches Gespräch gerade gut ankommt. Es bedarf Feingefühl um zu bemerken, ob die eigene Meinung als nicht-betroffene Person in einem solchen Gespräch Platz finden sollte oder nicht. Bei Unsicherheiten ist das Internet daher ein toller Ort – es gibt (in den meisten Fällen) keinen direkten Gegenüber, den*die man verletzen kann.

Puh – ist dieses ganze Awareness-Zeug auf die Dauer nicht furchtbar anstrengend? Ja, manchmal wünsche auch ich mir, ich könnte mal wieder eine Serie schauen, ohne dass mir die sexistischen, rassistischen und queerphoben Inhalte ins Gesicht springen. Gleichzeitig muss mir als beispielsweise weiße Person bewusst sein, dass ich das Privileg besitze, eine rassistische Folge einfach abzubrechen und dass ich danach in meinen sicheren Alltag zurückkehren darf.

Awareness ist keine Übertreibung, Awareness steht für eine Fokuswechsel auf die Probleme, die ohnehin existieren. Wir alle – gerade wir als Autor*innen – sind dafür verantwortlich, diesen Fokuswechsel mitzuschreiben, ob aus unseren eigenen, marginalisierten Perspektiven oder um andere zu supporten!

Mein (total uneigennütziger) Wunsch

 

 

Wenn euch Harry Potter noch nicht überdrüssig geworden ist – greift Rowling unter die Arme, weil sie ja offensichtlich Hilfe dabei braucht, Harrys Welt so divers zu gestalten, wie unsere Welt sie braucht! Zeichnet eure Hermine schwarz, schreibt die Cho-Chang-Fanfiction, in der sie endlich komplex dargestellt wird, teilt all eure Ideen über Ron Weasley being a Chaos-Bisexual mit dem Internet (und mit mir! Bitte!). Schreibt ein Ende für Remus Lupin, in dem er nicht in einer heile-Welt-hetero-Beziehung endet! (Lasst Tonks der coole, single Punk sein, der sie immer war! ) Ja, dein Own Character kann super gerne Hijab tragen. Ja, Albus und Scorpius, natürlich, was sonst.

Bleibt offen! Schreibt respektvoll! Fiktive Universen sind die beste Möglichkeit, die ganzen Strukturen über den Haufen zu werfen, die uns hier und heute so schaden.

Schaut euch eure Figuren an – wie viele davon sind weiß, cisgeschlechtlich und werden nicht be_hindert? Welche Perspektiven fehlen der (jungen, deutschen) Literatur? Egal, ob und welche Diskriminierungserfahrungen ihr habt – bestimmt gibt es Themen, von denen ihr dringend mehr hören wollt, Menschen, über die ihr mehr lesen möchtet, Figuren, die euch im Hinterkopf herumspuken, weil sie endlich eine Lücke schließen wollen, die es da in der Literaturwelt gibt. Zögert nicht; schreibt eure Hexen trans und lesbisch, denn das braucht die Welt.

Fragt nach, hört zu, unterhaltet euch, reflektiert. Checkt eure Privilegien. Schreibt – immer weiter, immer besser.

Bottom line: Ich bin noch hier für Harry Potter und werde es vielleicht auch immer sein. Und das mit dem Austausch über diesen ganzen Tea war kein Scherz, slide into my DMs. Und: Ich habe diesen Beitrag als weiße, nicht-be_hinderte trans Person geschrieben. Wenn ich in dem Zuge etwas Schwieriges von mir gegeben habe, sagt bitte Bescheid!