INVITED – eine Hommage an Humanität

Das Finale des Tanztreffens der Jugend gebührt Gästen der Ultima Vez Kompanie aus Belgien. Mit ihrer generationsübergreifenden Performance INVITED erschaffen die Tänzer*innen eine außergewöhnliche Interaktion zwischen Publikum und Performanten und durchbrechen damit herkömmliche Theatermuster. Überwältigend ist die Interaktion zwischen dem Publikum und den Performanten.

Die klassisch-hierarchische Theaterdisjunktion (= Trennung) von Zuschauer*innen und Bühnen-Bespieler*innen verwischt von der ersten Minute an. Es gibt niemanden, der heraussticht, da wir alle gemeinsam als EINGELADENE herausstechen und Mittel zum Zweck werden. Der Zweck ist die Erschaffung eines pulsierenden Grundgefühls und Energiekomplexes mittels der Auflösung altüberlieferter Theaterstrukturen. Das Publikum ist hin und her gerissen zwischen Verwirrung und dennoch einem Grundvertrauen in das Lebensspiel, da alles selbstverständlich wirkt. Mal sitzen wir alle auf einem gigantischen Seil, das während des Stücks in vielfältiger Art umfunktioniert wird: Mal ordnen wir uns alle unter diese blaue Riesenboa und tragen die monumentale Seillast gemeinsam auf unseren Schultern, Händen oder Köpfen. Mal lauschen wir einem elektromusikalischen Konzert als ruhende Energieklumpen. Wir tragen als Ko-Performanten*innen anderen Performanten*innen mit unserer Körperkraft und Performant*innen tragen uns. Ganz linear. Wir gehen linear. Wir umarmen. Wir singen im Kanon. Wir springen über Menschen. Mit einer Entschlossenheit, die erstaunt.

Wie schafft es das Ensemble so schnell ein Publikum für das Ko-Autor*in-Sein empfänglich zu stimmen ? Uns einzuladen ? Warum machen wir ohne Widerstand mit ?

Humanität und Lebensbejahung

Schnell wird einem klar, wie wenig an sprachlichen Mitteln das Stück braucht, um Energie aufzunehmen und ohne Anweisungen einer kollektiven Intuition tänzerisch nachzugehen. Man versteht, was man als Zuschauer tun soll und irgendwann auch will. Oft rasen wir gemeinsam in Kreisen wie Fischschwärme daher und springen aus reinem Impuls und wenn wir alle rennen, so scheint es, dass wir durch unsere pure Menschlichkeit und Lebensbejahung verbunden sind. Unser Atem vereint, unser Rennen vereint, der Drang nach Nähe, Kreation und Ausdruck, Zeitlichkeit, linearer Bewegung vereint und das Tragen von Lasten vereint. Uns. Welche gemeinsame Last tragen wir hier eigentlich wie Sklaven unserer Selbst in ständigen Schlangenbewegungen ? Ist es die Last das Menschsein würdevoll aufrechtzuerhalten ? Oder vielleicht eine Vision, die uns vereint und die wir gemeinsam auf uns nehmen wollen?

Wenn wir alle gemeinsam gehen, wirken unsere Schatten im schimmerhaften Licht wie surreale Uhrwerke. Mit jedem Auftritt gibt es Variationen in der Performance, da alle das Stück aus Eigeninitiative heraus mitgestalten. Wenn wir laufen und einige Zuschauer*innen sitzend zuschauen, dann empfangen auch die körperlich inaktiven Menschen einen warmen Windzug unserer Bewegungsenergie. Man empfindet das Stück ganz anders, wenn man mittanzt – wie eine Massentherapie und Befreiung durch Zuversicht. Es gibt keine Anweisungen, die uns lenken könnten, da auch die Performant*innen sich fallen lassen. Ein sich-fallen-lassen in das unverfälschte Menschsein.

Ein linearer Schritt in Richtung Wahrhaftigkeit.

Dankeschön dafür 🙂

Foto von Anna Zhukovets