Interview:
„Ich erfahre von Schüler*innen
überhaupt keinen Widerstand“

Nach dem fetten Lehrer-Diss gestern Abend äußert sich Jurymitglied Klaus Riedel im Interview zum Stück „sag alles ab“. Er unterrichtet Deutsch, Politik und Darstellendes Spiel an der Modellschule Obersberg.


FZ: Klaus, hat es Dich verletzt, dass Lehrer gestern so negativ dargestellt wurden?

Klaus: Ich habe diese Kritik nicht so ernst genommen. Den Figuren, die uns das Ensemble gezeigt hat, geht es ja nicht schlecht. Ich habe mich nur gewundert, ob die Schüler wirklich im Alltag auf Kollegen treffen, die solche Sätze oft sagen. Den Titel des Stückes fand ich sehr gut gewählt. Es gibt nämlich eine neue Jugendstudie, die besagt, dass diese Generation von Schülern sich zum ersten Mal weigert, alles mitzumachen und einfach mal sagen: „Ne, ich mache das jetzt nicht“.

Ist das nicht eine Horrorvorstellung für Lehrer?

Nein, überhaupt nicht. Das mag jetzt absurd klingen, aber ich erfahre von Schülerinnen und Schülern überhaupt keinen Widerstand mehr. Darüber habe ich auch schon mit Kollegen gesprochen.

Warum willst Du Widerstand?

Ich will im Unterricht eine Form von Reibung und Auseinandersetzung, damit es mir auch Spaß macht. Doch die Haltung der Schüler ist eine extrem konsumptive: ein produktives Widerwort oder ein begründetes Verweigern, das findet nur selten statt.

Ist das die Schuld der Schüler?

Ich glaube, Eltern sind hier ein wichtiger Aspekt. Wo ist ein Widerstand, wenn die Eltern die besten Freunde der Kinder sind? Da fehlt es an Reibung. Warum soll sich das in der Schule aufbauen? Ich höre von immer mehr Schülerinnen und Schülern „Mein Dad ist mein bester Freund, meine Mom ist meine beste Freundin“

Aber wie ist es mit Physik- oder Mathelehrern, wollen die auch einen Diskurs?

Ich würde abstreiten, dass es in diesen „harten“ Fächern nur Kollegen gibt, die sich Frage-Antwort, Frage-Antwort wünschen.

Was gibt es für falsche Vorstellungen von Schülern über Lehrer?

Wenn ich von mir ausgehe, dann dass Probleme von Schülern personalisiert werden: „Der mag mich nicht, bei der kriege ich keinen Stein im Brett…“

Hast Du etwa alle Schüler gleich gern??

Nein, aber ich versuche mich selbst besonders kritisch zu überprüfen in dem Moment, wenn eine Sympathie-Antipathie-Thematik aufkommt. Lehrer sind weniger auf Mögen oder Nichtmögen fixiert, manchmal handelt es sich lediglich um eine Reaktion auf ein bestimmtes Verhalten.

Wann haben Lehrer Unrecht?

Sie haben Unrecht, wenn sie das, was sie fachlich unterrichten, als Wahrheiten unterrichten und nicht deutlich machen, wo dieses Wissen herkommt, welche anderen Möglichkeiten es gibt.

Warum haben Lehrer ungern Unrecht?

(lacht) Das weiß ich nicht genau. Ich glaube, das hat viel mit Status zu tun. Oder mit der Überzeugung, dass in dem Moment, wenn man eines Fehlers überführt wird, man jede fachliche Autorität verliert. Das ist aber eine unberechtigte Angst.

Die Antifa sagt: Keiner muss Bulle werden. Muss keiner Lehrer werden?

Nö, muss keiner. Ich wünsche mir aber, dass die Klügsten Lehrer werden. Aber das ist momentan nicht der Fall.

Sollte man als Lehrer mit Jugendlichen auf einer Ebene agieren?

Das ist eine Illusion. Es besteht in der Schule ein asymmetrisches Machtverhältnis. Was ich aber gelernt habe ist, dass ich mit Schülern alles machen kann und ehrlich sein kann, solange ich sie nie in eine Situation bringe, in der ich sie beschäme. Das ist der Punkt, den die Lehrer-Echos im Stück gestern aufgegriffen haben. In dem Moment, wenn du solche Sätze in einem öffentlichen Raum vor mehreren Schülern äußerst, ist Kommunikation vorbei.

Dann kommen wir doch mal zu dem Lehrerchor. Ich werde ein paar Beispielsätze nennen und Du sagst, ob Du sie schon benutzt hast oder nicht.

Gilt auch, wenn ich sie schonmal gedacht habe?

Klar! Erster Satz: Ich beende die Stunde.

Ja, habe ich schon gesagt. Es ist eine kurze Form, um in den finalen Minuten des Unterrichts die Aufmerksamkeit vom Packen der Taschen weg zu lenken.

Das ist Stoff der 10. Klasse.

Ja, auch. Aber nicht als Vorwurf, sondern eher als Gedanke „Mist, ich habe eigentlich keine Lust, das jetzt noch einmal mit euch zu wiederholen“.

Erde an…

Gedacht.

Seid ruhig, sonst setze ich euch auseinander.

Nein. Sowas gibt es in der Oberstufe nicht.

Was ich übrigens noch spannend fand, war der Elternchor, weil ich mich hier an meine eigene Kindheit erinnert fühlte und ich mich gefragt habe „Welcher Satz tut mir jetzt besonders weh?“

Und? Welcher war es?

Solange du die Füße unter meinen Tisch streckst.

Du hast deine Füße jetzt lange genug unter unseren exklusiven FZ-Interviewtisch gestreckt. Danke für das Gespräch.


Foto: Dave Großmann