Interview mit Sascha Krieger:
“Ich bin im Hauptberuf
Theaterzuschauer”

Theaterblogger Sascha Krieger im Gespräch mit der Festivalzeitung über politisches Theater und den Wert des TTJ.


FZ: Auf dem Theatertreffen der Jugend sieht man vor allem deinen reservierten Platz im Publikum. Als Person hältst du dich eher im Hintergrund. Wer ist Sascha Krieger?

Sascha: Jemand, der wahnsinnig viel Lust auf Kultur hat – und ganz wenig Lust, sich damit beruflich zu beschäftigen. Ich bin jemand, der froh ist, dass er sich acht Stunden am Tag den Kopf mit ganz anderen Dingen zuballert und dann am Ende hoffentlich ein bisschen Freiraum findet für das, was ihm Spaß macht und manchmal auch wahnsinnig ärgert.

Woher kommt diese Faszination?

Ich mochte Theater schon in der Schule. Ich erinnere mich auch an ein paar Inszenierungen aus den frühen 90ern, die für mich motivierend waren. „Mein Kampf“ im Gorki Theater 1990/91 und Leander Haußmanns „Romeo und Julia“ beim Theatertreffen 93. In den Stücken war viel von dem, was ich heute am Theater noch immer suche und mag.

Wie viele Theaterstücke hast du bist heute gesehen?

Das ist unmöglich zu sagen. Ich könnte das mal für ein Jahr nachzählen und dann hochrechnen. Aber ich glaube, das wird eine hohe dreistellige Zahl sein. Einen großen Teil davon habe ich wahrscheinlich wieder vergessen.

Was ist dein Lieblingsstück?

Wenn wir über Stücke reden, über die Textebene, über die Vorlage, dann gibt es für mich zwei Fixsterne:
Shakespeare und Beckett.

Alle Werke?

Ja. Ich hab nie psychologisch hinterfragt, warum das so ist. Bei Shakespeare ist es sicherlich diese Fülle an dem, was von ihm in unserem kulturellen, gesellschaftlichen Bewusstsein angekommen ist. Bei Beckett ist es das Gegenteil, die Eingrenzung der Welt auf die letzte Basis der Existenz, in der man man sich fragt, was mache ich hier eigentlich.

Gibt es politisches Theater?

Das gibt es. Ich bin generell kein Freund von Leuten, die sich als unpolitisch bezeichnen. Ich glaube, dass es das Unpolitische nicht gibt. Wenn man sich der Politik oder Meinungen zu politischen Ereignissen verweigert, ist auch das ein politisches Statement. Daher kann das Theater gar nicht umhin, politisch zu sein.

Wie politisch ist das Theatertreffen der Jugend?

Ich erkenne eine ganz deutliche Politisierung. Die Themen haben sich  in den letzten drei, vier Jahren deutlich ins Politische verschoben. Ob das eine generelle Entwicklung des jungen Theaters ist oder ob es eher damit zu tun hat, was die Jury auswählt, kann ich nicht bewerten. Wir haben in den letzten Jahren viele Gruppen gesehen, die sehr stark migrantisch, postmigrantisch organisiert sind, Gruppen mit Flüchtlingen, die über ihre Erlebnisse sprechen. Vor fünf, sechs Jahren hatten wir schwerpunktmäßig Arbeiten über das Jungsein und das Erwachsenwerden.

Vielleicht hat sich das gesellschaftliche Umfeld verändert und nicht das Jugendtheater?

Natürlich. Das A und O im Jugendtheater ist immer noch die Suche und Auseinandersetzung mit der eigenen Identität. Die ist aus dem privaten in ein politisierteres Umfeld getreten, wo es eben auch Menschen mit ganz anderen Erfahrungen gibt. Das Politische und das Private hat sich in den letzten Jahren stärker verschränkt.

Hat sich noch etwas verändert?

Bei meinen ersten Theatertreffen der Jugend gab es noch eine stärkere Balance zwischen Jugendclubs und Schul-Theatern. In den letzten Jahren hat es auf der Seite der Theater eine sehr starke Professionalisierung gegeben. Auf der anderen Seite habe ich ein bisschen den Eindruck, dass das Schultheater ästhetisch und reflexiv eher stehengeblieben ist. Das mag auch finanzielle Gründe haben.

Ist dieses professionalisierte Theater mit jungen Spieler*innen überhaupt noch Jugendtheater?

Das kann man nicht so pauschal sagen. Junges Theater macht aus, dass die Jugendlichen im gesamten Prozess die zentrale Rolle spielen. Von den Entwicklung des Stückes, über die ästhetische Setzung bis hin zur Umsetzung.

 Was meinst du, welche Rolle nimmt das Theatertreffen der Jugend in Deutschland ein?

Der große Wert des TTJ ist jenseits dessen, was Leute wie ich erleben. Die Aufführungen sind nicht das Zentrale. Wirklich entscheidend ist das Kennenlernen, das Aufeinanderprallen völlig unterschiedlicher Erfahrungsweisen. Dieses sehr starke Wachstum des postmigrantischen Theaters, auch die Arbeit mit Themen geflüchteter Menschen, das hat sich in den letzten Jahren verstärkt. Das ist spannend: Dinge mit Leute zu kreieren, mit denen man sonst nicht in Kontakt gekommen wäre. Das führt natürlich auch zu Konflikten, das haben wir im letzten Jahr gesehen. Ich finde Konflikte aber per se nicht falsch, ich halte sie für sinnvoll. Ich bin jemand, der Vorurteile lieber sieht, als wegschaut, denn nur dann kann man mit ihnen umgehen.

Bloggst du, um das Theater in die Gesellschaft hinauszutragen?

Ich möchte es nicht zu hoch aufhängen. Es gibt ja viele Theaterblogs. Das ist eine Demokratisierung des Sprechens über Theater. Demokratisierung heißt auch eine Auffächerung des Diskursraums. Früher gab es einige Theaterkritiker in den großen Tageszeitungen und Magazinen. Heute gibt es viel mehr. Das ist ein anderes Reden über das Theater. Das kann dazu beitragen, dem Theater mehr Relevanz zu geben, weil sich mehr Leute darin wiederfinden.

Bekommst du Feedback?

Es gibt hin und wieder aus den Theatern Reaktionen, häufig negativ. Wenn Regisseur*innen sich über etwas aufregen, das ich geschrieben habe. Ein Großteil der deutschsprachigen Theater folgt mir auf Twitter. Daraus ziehe ich die Schlussfolgerung, dass sie wahrnehmen, was da passiert. Aber bei vielen ist es nur eine passive Wahrnehmung.

Häufig haben wir hier über Machtstrukturen gesprochen. Wie kann Theater damit umgehen?

Erstmal muss das Theater die Strukturen thematisieren. Dazu kann Theater einen guten Beitrag leisten, indem es sie sichtbar macht. Viele Machtstrukturen funktionieren so gut, weil man sie gar nicht wahrnimmt. Weil man gar nicht weiß, was dahintersteckt, wer da die Fäden zieht. Zum Teil wissen das die Leute, die die Fäden ziehen, gar nicht mehr so genau, weil es sich so eingespielt hat.

Zugleich ist Theater extrem hierarchisch aufgebaut ist. Stücke ohne gewünschte Zuschauerzahlen werden abgesetzt.

Machtstrukturen haben generell immer etwas Widersprüchliches. Sie werden von beiden Seiten aufrechterhalten. Von den Leuten, die oben sitzen, und den Leuten, die unten sitzen, und vielleicht gar nicht merken, dass sie unten sitzen. Theater ist bis heute eine hierarchische Institution. Es gibt momentan die Diskussion, das Intendantenprinzip zu durchbrechen. Der Status quo ist ganz klar, dass es in vielen Häusern noch diese sonnengottähnlichen Instanzen gibt, auch in Berlin. Dennoch arbeiten in den Theatern auch viele Leute, die nicht Teil dieser Hierarchien sind. Wir haben einen ziemlich spannende junge Regisseur*innen-Generation, die das aufbricht, auch ästhetisch.

Bist du Dilettant oder Kritiker?

Beides. Es ist manchmal sehr gut zu dilettieren. Viele der wunderbarsten Abende, die ich erlebt habe, waren Abende, an denen ich dachte, was geschieht da eigentlich mit mir? Ich bin im Hauptberuf Theaterzuschauer.


Sascha Krieger in Zahlen

Anzahl von ungelesenen Mails: 9
Schuhgröße: 41
Wohnungsgröße: 50 qm²
Dioptrienzahl linkes Auge: 2-3
Weckuhrzeit: 7 Uhr
Lielingsshampoo: Head & Shoulders
Tramlinie: 12
Adresse: stagescreen.wordpress.com
Lieblingsfilm: 2001 – Odyssee im Weltraum
Lieblingsmusiker: Bob Dylan


Foto: Dave Großmann