Interview:
Julia Wissert
über Kritik und Liebe

Julia Wissert vom Workshop „What if…?“ über Kritik und Liebe und was andere Festivals vom Theatertreffen der Jugend lernen können.


FZ: Was hat das TTJ bei dir ausgelöst?

Julia: Beeindruckt hat mich schon der Begegnungsparcours am ersten Tag. Da sind wir uns nicht in unseren Professuren begegnet und haben nicht gefragt, auf welche Schulen wir gehen. Wir sind uns als Personen begegnet. Ich fand es auch eine starke Entscheidung, „Stören“ vom Maxim Gorki Theater an den Anfang des Festivals zu setzen, weil es ein extrem politisches Stück ist. Es geht um Gewalt gegen Frauen, oder Personen, die als Frauen gelesen werden, um feministische Theorien und deren Schwierigkeiten. Das setzt eine Temperatur für ein Festival. Das so ins Programm zu setzen sagt für mich extrem viel über die Zuschauer*innen und das Festival selbst aus. Der Raum, den Christina und ihr Team um uns herum schaffen, ist sowohl sehr einladend, als auch gemütlich, überfordernd, politisch.     

Ist das Politische ein Alleinstellungsmerkmal des TTJ?

Ich war zuvor noch nie auf einem Theaterfestival, das bestimmte politische Diskurse immer wieder im ganzen Raum thematisiert. Ich habe noch nie auf einem Festival erlebt, dass Toiletten entgendert werden und das einfach alle akzeptieren. Dass es keine Diskussionen darüber gibt. Dass Artikel mit der Überschrift „Nachhilfe-im-Weißsein“ an Türen kleben und auf Tischen liegen. Dass von einem Tag auf den anderen alle Aushänge im Haus der Berliner Festspiele verändert werden, und plötzlich auf Arabisch, Russisch, Farsi und anderen Sprachen verfasst sind. Das sagt extrem viel darüber aus, wie man seine unterschiedlichen Spieler*innen im Prozess des Festivals integrieren möchte. Indem man eben nicht sagt, es sei alles nur weiß, deutsch und heteronormativ, sondern stattdessen die politischen Diskurse, die in den Stücken auftauchen, über das ganze Festival in unserem alltäglichen Zusammensein thematisiert.

Was können andere Festivals vom TTJ lernen?

Ich würde mir wünschen, dass meine Kolleg*innen im Theater genauso liebevoll auf meine Arbeit schauen, wie es hier getan wird. Ich würde mir wünschen, dass die Art, wie hier Kritik gegeben wird, auch einen Weg in den professionelle Rahmen findet. Weil ich hier auf dem Festival das Gefühl habe, Kritik ist Liebe. Durch Liebe kann ich dir sagen, dass du etwas Blödes gemacht hast. Ich würde mir wünschen, dass die Art der Politisierung des Raumes beim TTJ mehr in meinem professionellen Feld Einzug hält. Ich würde mir wünschen, dass ich eines Tages im Haus der Berliner Festspiele bin und eine weiße Person aus dem Publikum etwas zu mir sagt, nämlich, dass man Rassismen und Sexismen gegen marginalisierte Gruppen auf deutschsprachigen Bühnen boykottieren sollte. So wie es mir hier auf dem Festival schon von Teilnehmer*innen gesagt wurde.

Was nimmst du aus dem TTJ mit?

Dass ich gerne weiter mit Nachwuchstheaterspielenden arbeiten würde, wenn sie so
energisch und hungrig und politisch sind wie hier.