Interview:
“Ich sehe die Menschen
besser mit einer Nase.”

FZ-Autorin Luna im Gespräch mit Canip Gündogdu, Spielleiter der Theatergruppe “Wunderbar”. Canip arbeitet als Theaterpädagoge und Klinkclown.


FZ: Canip, wie ist euer Stück entstanden?

Canip: Ich habe viel gesehen, was schief laufen kann im Theater mit geflüchteten Menschen. Sie werden ausgestellt und das tut mir beim Zuschauen richtig weh. Genau das wollte ich nicht. Ich war offen mit meinen Methoden. Ich wollte mit den Spieler*innen eine Basis schaffen, wo sie ankommen können. Ohne die Clownerie in den Vordergrund zu stellen. Es ging mir darum, einen Raum zu schaffen, wo das Scheitern genussvoll angenommen wird. Das ist eine Clowns-Philosophie. Der Wunsch der Spieler*innen war, keine Sprache zu verwenden, also habe ich die Clownsnasen ausgepackt. Das wichtige beim Clown ist: Sobald ich die Nase aufsetze, dann fühle ich damit.

Das fand ich sehr spannend. Auf der einen Seite ist das Stück stark inszeniert, aber auf der anderen Seite hatte ich das Gefühl, ganz nah bei den Spieler*innen zu sein.

Ja, die Clownsnase ist für mich die Möglichkeit, mehr Ich zu sein, weil für mich der Alltag viel mehr Maskerade ist. Wenn ich aber eine Maske, also die Nase aufsetze, dann kann ich mehr Anteile von mir zeigen, die in der Gesellschaft sonst keinen Platz haben. Ich darf wieder Kind sein. Das Verrückte an mir darf raus. Meine Gefühle dürfen raus. Das geht im Alltag nicht und das haben die Spieler*innen auch ganz schnell erfahren.

Im Stück haben die Spieler*innen sich bei Deutschland bedankt. Es fällt mir schwer, das nachzuvollziehen – vor dem Hintergrund eines rassistischen Asylsystems.

Die Frage ist, wie viel will ich mit den Spieler*innen verhandeln. Ich stecke nicht in ihnen. Ich habe nicht die Erfahrung gemacht, die sie gemacht haben. Ich kann ihnen sagen, dass ich Kritik am Asylsystem habe. Ich bin heilfroh, dass wir überhaupt hier sein können, weil einige Spieler*innen erst ihre Anhörung hatten. Sie meinten zu mir, egal, was wir hier erfahren und durchgemacht haben, es ist besser als zu Hause. Ich weiß nicht, was zu Hause passiert ist. Ich hab auch nicht nachgefragt, das wollte ich auch nicht wissen. Ich hab gestern über den Esstisch gehört, wie einer von ihnen erzählt hat, dass er hier zum ersten Mal wieder Mensch sein darf. Und das ist ein Gut, dass er dort anscheinend nicht hatte, und ich muss das erstmal so stehen lassen. Ich will ihm nicht das wegnehmen, was er hier hat. Die kennen das. Sie kennen das Gefühl, eventuell abgeschoben zu werden, viel mehr als ich.

Ich glaube, viele Leute im Publikum hatten Mitleid, ohne dass das Stück das hervorrufen wollte. Für mich zementiert ein mitleidiger Blick die Machtstrukturen. Das deutsche Publikum kann sich auf die Schulter klopfen, weil es emotional mitgeht und berührt ist. Aber die Frage bleibt offen, ob die Leute im Publikum zum Beispiel an einer Abschiebeblockade teilnehmen würden. Manchmal kommt mir der unangenehme Gedanke, dass gerade interkulturelle Stücke in einem solchen Kontext auch eine Alibi-Funktion haben. Zudem glaube ich, das Problem an Empathie ist, dass sie nicht nötig sein sollte, um Menschen als Menschen anzuerkennen.

Ich hatte keine Lust, die Spieler*innen zu instrumentalisieren, damit das Publikum Empathie empfindet. Ich habe versucht, das Gegenteil zu tun. Ich hatte keine Lust, eins zu eins ihre Fluchterfahrungen zu übersetzen. Ich sehe das ja selbst, dass es viele Theater gibt, die dafür Auszeichnungen bekommen. Also zum Beispiel, dass junge Geflüchtete ihre Fluchtgeschichten weinend erzählen. Als Zuschauer denke ich mir, das muss ich brechen. Das Problem ist, die Zuschauer haben meistens einen deutschen Hintergrund und sind wohlhabend. Sie zeigen gespielte Betroffenheit. Ich glaube, genau das wurde im Stück kritisiert. Die Ankunftsszene mit Konfetti und Marschmusik war für mich eine Anspielung auf die Szenen in München 2015. Ich hab mich damals fremdgeschämt, weil ich mich gefragt habe, wie lange das gutgeht. Deshalb gab es im Stück die Szene, in der die Ballons zerplatzt werden. Die Ballons waren für mich Träume.

Eine besondere Stelle im Stück ist die Vermessung der Spieler*innen. Minderjährige Geflüchtete müssen sich ja einer ärztlichen Untersuchung zur Feststellung des Alters unterziehen. Der Moment hat mich verunsichert.

Ich war noch nie bei einer solchen Untersuchung dabei. Ich hab die Spieler*innen gefragt, was passiert da. Für mich war die Frage, was zeigen wir. Die Spieler*innen haben ihre Bilder selbst gefunden. Ich wäre auch nie auf diese Toilettenszene gekommen. Ich glaube, dass viel Freiraum wichtig war, damit die Spieler*innen sich entfalten können. Ich habe nur gesagt, was mich berührt, was ich gut finde, was mich nicht berührt hat. Und im zweiten Schritt dann ein bisschen verfeinert. Ich selber bin zum Beispiel auch nicht in die Disko reingekommen, damals als Schwarzkopf. Das kann ich sehr gut nachempfinden.

Ganz oft wird bei interkulturellen Stücken Authentizität eingefordert. Bei diesem Stück wurden Erwartungen gebrochen. Und trotzdem wirkte es authentisch.

Ich glaube, es ist sehr wichtig, bei der Clownerie authentisch zu sein. Das ist der Kern, der Menschen ausmacht. Hier und dort ist Clownerie übertrieben. Die rote Nase verzerrt, aber für mich ist sie auch eine Lupe. Für die Gefühle, für den Körper. Ich habe das Gefühl, ich sehe die Menschen besser mit einer Nase.