Immer spielt ihr und scherzt! –
Schicksalsspielchen

Ahja, das war doch schön gestern. Und obwohl ich schon total müde von der ganzen Woche Zu-spät-ins-Bett-Gehen war, ließ mir das Stück gar keine Wahl, als wach zu bleiben.

Die Schweriner hatten Spaß auf der Bühne. Sie waren eingespielt und vor allem waren sie facettenreich. Das Schöne war, dass man während der Vorstellung überall hinschauen konnte und überall hätte man was anderes entdeckt. Einerseits war da Lobkowitz, eine kuriose Gestalt, die sich ein Podest baut, ein eigenes „Gottesreich“. Trotz seines passiven Daseins hat Lobkowitz wirklich viel im Stück ausgemacht. Er hat das ganze Stück beobachtet und seine eigene Rolle in diesem Gerüst-Universum gespielt. Vielleicht hätte er etwas ändern können. Vielleicht hätte er den Gang der Dinge aufhalten können. Aber der von Hitler eingenommene Schlomo hat einfach vergessen nachzusehen, ob er noch da ist. So lehnte er sich in seinem Thron zurück und betrachtete alles in Ruhe. Indem er nichts tut, nur betrachtet und Schlomo genau wie Hitler ihren eigenen Entscheidungen überlässt, wird er tatsächlich zu Gott. Die wahrscheinlich meistgestellte Frage ist, warum Gott so etwas wie Völkermord und Krieg zulässt. Und die Antwort ist immer die gleiche: weil es immer unsere Entscheidungen sind und diesen würde uns Gott überlassen.

Andererseits waren da Schüttler und Schlomo – alle unterschiedlich. Ihre verschiedenen Facetten und Stadien waren einerseits erkennbar, andererseits nicht total offensichtlich (aber das war ja gut so! Man braucht ja nicht immer den Holzhammer, um einem etwas vermitteln). Das Paar Schüttler-Schlomo war nicht weniger interessant. Jedes von ihnen war anders. Die Bewegungen, die ganze Plastik und vor allem das Verhältnis. Der eine Schüttler schmiegte sich an Schlomo, um getröstet zu werden, während der andere die Berührungsangst nicht ganz überwinden konnte.

Die Gerüstbaustelle war tatsächlich wie ein eigenes Universum, ein Mikrokosmos, in dem das Schicksal von Millionen von Menschen entschieden werden sollte. Beängstigend, oder?

Ein Paar Dinge sind aber aus dem Rahmen gesprungen. Der Tod zum Beispiel passte nicht in die kalten Gerüste beziehungsweise die Welt, die diese für mich implizierten. Ich hatte eher das Gefühl, der Tod sei an den Anfang des 20. Jahrhunderts angelegt. Vom historischen Standpunkt sicherlich korrekt in der Komposition eher überzogen und störend. Auch Gretchen, die mehr als überzeugend gespielt wurde, hat mich am Ende verwirrt. Am Anfang verteidigte sie noch Schlomo, am Ende hat sie ihn als Juden beschimpft. So wird es im dritten Reich auch passieren. Doch ganz nachvollziehbar schien es für mich auf der Bühne nicht. Das war schade, denn das schien doch ein durchaus wichtiger Aspekt zu sein.

Jaja, diese Kritiker! Immer haben sie was zu meckern. Geht aber nicht anders, so sind wir nun mal. Wir meinens aber auch nicht böse. Das waren ja auch eher Kleinigkeiten und niemand ist perfekt. Ich hab gestern sehr viel Spaß gehabt und bin froh, so ein interessantes Stück in einer so interessanten Ausführung gesehen zu haben.

Foto: Dave Großmann