Immer spielt ihr und scherzt! –
Farce in fünf Runden

Schlomo Herzl lebt mit dem Koch Lobkowitz in einem Männerwohnheim unter einer Metzgerei. Ein Gerüst. Pritschen. Eine weiße Kiste. Wer ins Wohnheim will, muss von oben dorthin hinabsteigen.

Der hyperaktive Lobkowitz spielt sich als Schlomos Herrscher auf und will mit „Herr“ angeredet werden. Aber Schlomo hat dieses Spiel satt: „Mein Kreuz tut mir weh.“ Er will nicht mehr der Diener sein.

Umso bereitwilliger wendet er seine Aufmerksamkeit dem frisch eingezogenen Schüttler zu. Der Koch Lobkowitz zieht sich auf einen Glitzerthron zurück und beginnt, sich einen Himmel zu basteln. Er bastelt Sterne. Pfeile, die ihn als GOTT ausweisen. Zerschneidet die Festivalzeitung. So wird der Kontext der Zuschauer in ein Bild eingearbeitet, dass offen legt, dass Gott nichts Fassbares ist, sondern ein Konzept, eine Konstruktion – er wird gebastelt.

Aus Schüttler wird Hitler. Die Spieler illustrieren die Namensänderung mit Fingerfarbe, viel Körperlichkeit und vor allem – Humor. Immer wieder wird der Text von aktuellen Bezügen durchdrungen, die Assoziationen zulassen, die weit über die erste inhaltliche Ebene hinausgehen. So lässt der Ausspruch: „Emancipation – everybody is putzing!“ den Zuschauer nicht nur lachen, sondern auch nachdenken – über die Streitbarkeit mancher Emanzipationsaussagen und –bestrebungen, aber auch über die Überflutung der deutschen Sprache von Anglizismen.

Schlomo Herzl fühlt sich Hitler zunächst überlegen. Er bringt ihm „Manieren“ bei und erklärt ihm die einfachsten Dinge, zum Beispiel, wie man sich die Schuhe wichst. Und als er Frauenbesuch erwartet und dafür Hitler hinauskomplimentieren will: „Wenn du eines Tages erwachsen bist, erklär ich dir alles. Das würde jetzt zu weit führen.“ Hitler erscheint ungebildet, schwach und abhängig. Immer wieder bricht er in Tränen aus, immer wieder will er von Schlomo getröstet werden. Dadurch geblendet, steht Schlomo ihm zur Seite, ohne sich einzugestehen, wie sehr Hitler ihn trotz der eigenen intellektuellen Unterlegenheit herabwürdigt: „Jude, ich schätze deine Handreichungen.“ Dabei schimmert von Anfang an Hitlers Herrschsucht und sein gefährliches Aggressions-Potential durch: „Ich will klein geschrumpfte Menschen um mich haben – in Reih und Glied.“ Und: „Juda, verrecke!“

Das Ensemble von TaGGS untersucht diese Konstellation von Abhängigkeit und Machtverschiebung, indem die Rollen von Hitler und Schlomo auf jeweils fünf Spieler aufsplittet werden. Dabei kristallisieren sich schnell individuelle Herangehensweisen an die Charaktere heraus, die geschickt miteinander verwoben werden. Das ist mit Sicherheit die größte Stärke des Ensembles. Die Spieler erzeugen keinen Einheitsbrei, sondern stehen exemplarisch für die Nuancen ihrer Figuren. Gestik, Mimik, Aktion und Sprechen bleiben individuell und sind trotzdem sorgfältig aufeinander abgestimmt.

Darüber hinaus steht dieser Figuren-Pluralismus auch dafür, dass es nicht nur eines Schlomos und eines Hitlers bedurft hätte, um das auszulösen, was aus der Machtergreifung Hitlers resultiert ist.

Schlomo ignoriert die Gefahr, die von Hitler ausgeht, und hilft ihm sogar auf seinen Weg: „Du bist ein mieser Schauspieler, Hitler. Du solltest in die Politik gehen.“ Letztendlich verändert Hitler sogar seine Sprache und spricht nicht mehr von „Schlomo, einem Juden“, sondern von „dem Juden“. Hakenkreuze werden aufgestellt, Schlomos werden zu Hitlern, bis nur noch nur einer übrig ist, der nicht im Gleichschritt marschiert.

Die Hitlerfiguren befinden sich auf der höchsten Ebene des Gerüsts – zusammen mit Frau Tod: „Alle guten Geschichten enden mit dem Tod.“ Tatsächlich endet dieses Stück allerdings mit dem Hitlergruß.

Aber kurz vor Schluss kommt noch einmal der Koch-Gott Lobkowitz zu Wort: „Immer spielt ihr und scherzt!“ Schlomo fragt ihn verzweifelt, wo er denn die ganze Zeit gewesen sei. „Ich war die ganze Zeit hier. Du hast nur vergessen nachzusehen.“ Damit schlägt er den Bogen zu seiner eigenen Konstruierbarkeit – solange man nicht an ihn denkt und glaubt und ihn anruft, existiert er auch nicht.

Die Schweriner Theatergruppe hat Taboris Farce umgesetzt, indem sie eigene Konzepte entwickelt hat. Texte wurden umgeschrieben, um Schwerpunkte zu verschieben, um aktuelle Bezüge herzustellen. Mit Theaterzeichen und Bühnenbild wurden eigene Akzente gesetzt und Deutungen herausgearbeitet. So zum Beispiel mit dem kleinen deutschen Mädchen, die einen Teil der Frau Tod verkörpert – stellvertretend für die Generation, die heranwachsen würde und verantwortlich sein würde für einen Genozid und einen Weltkrieg.

Es war die gelungene Inszenierung einer Farce, die aber auch gezeigt hat, dass Taboris Stück mit der Zeit immer mehr an Wirkung einbüßen müssen wird. Über Hitler zu lachen, fällt dem Publikum von heute nicht mehr schwer, Hitler als gefährlichen, aber lächerlichen Trottel darzustellen, ist nicht neu. Das mindert den Schock-Effekt und kann deswegen kaum noch aufrütteln. Es gibt nur eine Komponente, die diesen Prozess maßgeblich verlangsamt – der raue Umgang mit dem Juden Schlomo. Man muss eben doch bei jeder antisemitischen und menschenfeindlichen Bemerkung Hitlers zusammenzucken und sich fragen, wie es heute noch Menschen geben kann, die davon nicht völlig abgestoßen werden. Der Zuschauer wird es in dieser Inszenierung jedenfalls. Und das haben die Spieler ja auch gewollt.

Foto: Dave Großmann