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Pina und Geschlechterrollen

Pina Bausch widmete sich in ihrer Arbeit oft den Fantasien, dem Verlangen und den Frustrationen von Menschen. Oft bewegen sich die Tänzer*innen in scheinbar rückhaltsloser sexueller Energie und romantischen Spannungen, drücken ihre innerliche Motivation auf der Bühne aus.
Doch welcher Spielart folgt Sexualität bei Pina Bausch? Gibt es dort eine eindeutige, klassische Rollenverteilung? Ist Geschlecht in ihrer Arbeit ein bindender Faktor?


In Strawinskys „The Rite of Spring“ ist die Aufteilung in Männer und Frauengruppen nicht zufällig oder aus rein ästhetischen Gründen gewählt. Das Stück behandelt das Dargeben einer Frau in einem Opferritual, das männlich dominiert geführt wird. Der Symbolcharakter der weltweit erfolgreichen Choreographie kann als Kritik wie als Ikonisierung männlicher Gewalt und weiblichem Ausgeliefertsein empfunden werden.



„Kontakthof“ ist ein anderes Stück, dass sich mit dem Spiegeln der Gesellschaft befasst. Es widmet sich einem überholten Ritus und dessen Raum, dem Ball. Das Stück beinhaltet viele humoristische Momente, da es sowohl Frauen wie auch Männer beim Hüfte-Schwingen und anderen erotischen oft gender-untypischen Handlungen zeigt. Es wurde offiziell mit Jugendlichen ohne Tanzerfahrung und mit in die Jahre gekommen ehemaligen Tänzer*innen aufgeführt. Die für die Sehgewohnheiten unvertrauten Kombinationen führten zu viel Kontroverse. Auch dieses Stück hat seine brutale Seite, wird quasi zum Kampfplatz der Geschlechter. Das Aufeinanderprallen zeigt sich schmerzhaft für beide Seiten, nur umso mehr für die Frau. Sie wird zum Opfer, aber auch zur Mittäterin.



Diese zwei Stücke sind besonders intensive Beispiele für die Auseinandersetzung Pinas mit Geschlechtlichkeit. Sie selbst sagt dazu: „Es geht nicht um die Gewalt, sondern um das Gegenteil. Ich zeige die Gewalt nicht, damit man sie will, sondern damit man sie nicht will. Und: Ich versuche zu verstehen, was die Ursachen dieser Gewalt sind. Wie beim Blaubart. Oder in ‘Kontakthof’.“


Andere Stücke sind weit harmonischer und verspielter, mehr charakterbezogen als geschlechtsbezogen. Bauschs Kostüme sind dabei meist klar feminin oder maskulin, aber nicht zwingend auch dem erwarteten Geschlecht zugeordnet. In Stücken wie „Carnations“ und „Bandeon“ tragen die Männer auch weiblich konnotierte Kostüme.
Sie selbst sagte von sich einmal, sie habe immer Hosen getragen und scheint dabei mehr zu meinen als nur das Kleidungsstück an sich. Die Tänzerinnen tragen jedoch meist Kleider, manchmal enge Anzüge, auch Stöckelschuhe. In „Kontakthof“ kommt es auf der Bühne zum Versuch die hohen Schuhe abzustreifen, doch diese sind wie angewachsen.


Tanztheater ist nicht feminin,
nicht maskulin, es ist menschlich.
(übersetzt aus dem italienischen, 1993)

Sie selbst wollte sich nicht als Feministin sehen. Für Bausch war Feminismus zu sehr ein „Modewort“, sie befürchtete ein Gegeneinander statt ein Miteinander. Die Frauenrechte tänzerisch voran zu treiben, war vielleicht nicht oberste Agenda ihres Tanzes, aber das bedeutet keinesfalls, dass sie konservative Geschlechterrollen präsentierte. Auch die passiveren Frauenrollen verlieren ihren Status als Subjekt selten, der Tanz fokussiert sich auf das Sichtbarmachen der Persönlichkeit und deren Nuancen, die nicht leichtfertig kategorisierbar sind. Auf ihre Individualität, ihre Authentizität, ihre Freiheit zum Ausdruck. Zensur und Selbstzensur sind Mittel, die Geschlechtlichkeit in unserer Gesellschaft produzieren und verstärken, bei Pina werden sie immer wieder ausgehebelt.
Eine klare Antwort auf ihr Verhältnis zu diesen Fragen lässt sich so einfach nicht finden, aber viele kleine Antworten finden sich überall in ihrem Werk.