Ich sehe was,
was du nicht siehst

Zweifel und Wünsche: In „Selbstbaukasten“ hadert die tjg.theaterakademie Dresden mit gängigen Schönheitsidealen – und erlangt am Ende doch noch die Zuversicht, den Körper so anzunehmen, wie er ist.

Einmal kannte ich einen Typen, der schaute abfällig auf meine nackten Füße, um mir dann sagen zu müssen, dass sie „seltsam deformiert“ seien. Ich gab ihm diesen WTF-Blick zurück. Er sagte immerhin „Sorry“, nur um dann zu fragen: „Ja – findest du DIE denn schön?“ Er habe außerdem gelernt: „Die meisten Frauen mögen ihre Füße ja nicht.“ Aha. Ich wollte ihm sehr viel sagen. Das alles fiel mir leider erst im Nachhinein auf. Meine wundervollen, hobbit-artigen Füße waren allerdings schneller als meine nicht vorhandene Schlagfertigkeit. Jedenfalls hatten sie keine Lust auf Bodyshaming: Sie haben einfach das gemacht, was Füße wohl am besten können. Sie haben sich in Bewegung gesetzt! Ich bin dem Typen also davongelaufen.

Vor Leuten, die den Körper anderer beleidigen, kann man ja (noch) weglaufen. Bei bereits verinnerlichter Körperkritik hat man allerdings ein Problem: „Nur dünne Freundinnen“…„Keine Brüste“…„Zuviel Hintern“… „Die Nase meines Vaters“ – Ständig kritische Blicke in den Spiegel: Das ist natürlich ein K(r)ampf!  Solchen Menschen wünscht man einfach ganz viele Schutzschilde, die sie vor der Kritik von außen schützen – und im Besonderen vor der Kritik an sich selbst.

Und so beginnt der Auftritt der Tänzer*innen der tjg.theaterakademie Dresden: Auf einer leeren Bühne stehen sie mit vorgehaltenen semitransparenten Plexiglasscheiben im kühlem Licht und bleiben die meiste Zeit dahinter nur verschwommen erkennbar, während aus dem Off eine artifizielle Kollektivstimme dringt, die monologisch unzählige Zweifel am (und mit dem) Körper aufsagt: Man habe knubblige Knie, eine zu schöne Schwester, neben der man im Vergleich immer nur hässlich aussehen könne – alles sei entweder zu groß, oder zu klein am Körper. Die Tänzer*innen treten dabei einzeln aus der Scheibenwand hervor. Sie schauen das Publikum zwar mit ausdruckslosen Gesichtern, dafür aber immer mit stechenden Blicken an – gleichzeitig ertönt die Stimme aus dem Off. Die Trennung von Körper und Stimme hat so einen verfremdenden, fast beunruhigenden Effekt.

Mit den Tänzer*innen zusammen bewegt sich auch das Bühnenbild: Es ist eine anmutige Choreografie der Scheiben. Diese werden stets neu ausgerichtet, mal geschichtet, gereiht. Sie bestimmen und lenken Blicke: Die Blicke auf die Körper. Das dynamische Wechselspiel zwischen Sichtbarkeit und Verschwinden bestimmt den Abend. Die Tänzer*innen treten mehrfach aus dem „Schutzwall“ hervor, doch bald verschwinden sie schon wieder. Abwechselnd verbergen sie sich, bergen sich – inklusive ihrer Verletzbarkeit. Mit jeder Szene verändert sich die Bedeutung der Scheiben: Sie stehen abwechselnd für Duschkabinen, Wände, Spiegel, Glas, Schutzschilde, Rückzugsorte, Häute – und Verweigerung.

Die stetige Transformation, die Veränderung des Bühnenraums ist ein schöner Kontrast zum Kampf, der in „Selbstbaukasten“ mit dem Körper ausgefochten wird und an dessen Unzulänglichkeit in großer Komplexität gelitten wird. Er ist eben nicht so leicht veränderbar – die Bühne dafür umso mehr! Licht, Ton und Bühnenbild tragen die Aufführung sicher. Sie stellen einen formalen Rahmen bereit, innerhalb dessen Unsicherheiten formuliert und Bewegungen erprobt werden, die auch mal fahrig sein dürfen.  Am Ende fallen die Scheiben einfach von den Tänzer*innen „ab“ – so wie eine zweite Haut. Nachdem hinter und vor den Scheiben so viel mit sich gekämpft wurde, ist das eine große Erleichterung.