Ich sehe was, was du nicht siehst

Na, zugehört? Sophies Eröffnungstext von Freitagabend nochmal zum Nachlesen.

Ich sehe nicht viel und was ich sehe, ist verschwommen. Soll heißen, ich bin ziemlich kurzsichtig.

Am Anfang, so mit 16, 17 Jahren, habe ich Menschen in der Ferne leicht verzerrt gesehen. Je weiter weg, desto kleiner und breiter. Das war ein bisschen wie mit dem Scheinriesen bei Jim Knopf, bloß andersrum,  mein Gegenüber wurde plötzlich groß und schlank, je näher es kam. Das ist vor allem als kleiner Mensch frustrierend, man bildet sich ja gerne ein, dass man selbst gar nicht so klein ist.

Das hat sich leider verwachsen, heute sehe ich ohne Brille einfach super unscharf. Mit Brille, sollte man meinen, sehe ich normal, aber nein, bei der ist irgendeine Beschichtung kaputt gegangen oder Ähnliches und Lichter strahlen auf dem einen Auge so komisch aus, ich sehe also langgezogene Strahlen. Das klingt harmlos, führt aber dazu, dass ich Heiligenscheine sehe. Deshalb sind für mich jetzt überall Heilige unterwegs – wie in einer kitschigen Weihnachtswerbung.

Oder Zähne zum Beispiel, sind wirklich so strahlend weiß wie in der Colgate Werbung. Manchmal sehe ich Hunde statt Regenschirmen, beschlagene Fenster, wo eigentlich nur Gardinen hängen, Katzen, wo eigentlich Maulwurfhügel sind.

Wobei eigentlich hier das wichtige Wort ist. Eigentlich, das tut so, als gäbe es eine Art, Dinge zu sehen, die normal ist, wie jeder sie sieht. Wenn ich einen Hund sehe, wo eigentlich ein Regenschirm ist, dann ist das, ich gebs zu, schon ziemlich weit entfernt von dem, was andere sehen. Aber die eine sieht vielleicht einen schönen geblümten Schirm, und meine Cousine zum Beispiel sieht nur den Menschen, der den Regenschirm ausführt.

Wir nehmen alle anders wahr. Bei manchen, kurzsichtigen Menschen – wie mir – fängt das beim tatsächlichen Sehen schon an, bei den Augen, bei anderen erst bei dem, was dann ankommt.  

Das ist die Basis, unsere Augen erfassen vielleicht ähnliche Reize, aber jede*r nimmt was anderes wahr. Und so kommt es, dass für die einen offensichtlich ist, was andere nicht einmal sehen.

 

Neulich zum Beispiel, erzählte mir meine Cousine von einem Gespräch mit ihrem Freund. Sie sind schon über 4 Jahre zusammen und an einem Nachmittag, einfach so, fragt er sie unvermittelt: „Sag mal, du hast aber noch nie Sexismus erlebt, oder?“

Er ist 20. Und wenn wir davon ausgehen, dass Sexismus jeden betrifft, egal welchen Geschlechts, das heißt, Sexismus ein Verhalten ist, dass Menschen aufgrund ihres Geschlechts unterschiedlich behandelt und somit nicht nur Frauen, sondern genauso Männer und Menschen außerhalb dieser binären Zuteilung betrifft, es also nicht um direkte, offene Diskriminierung geht, sondern um die alltäglich Differenzierung zwischen den Geschlechtern. Wenn wir davon ausgehen, dann hat auch er schon 20 Jahre Sexismus erlebt.

Und selbst wenn wir sagen, dass Sexismus nur die direkte Diskriminierung von Frauen ist, auch dann müsste er das selbst seit 20 Jahren mitbekommen haben und vermutlich sogar selbst ausüben. Wenn vielleicht auch nicht absichtlich. Wie kann er das also nicht sehen? Wo es doch so offensichtlich ist?

Die Brille ist hier vielleicht die beste Metapher. Wir nehmen alle anders wahr. Und manche sehen ganz offensichtlich Sexismus, Rassismus, Homophobie, Diskriminierung und so weiter. Vielleicht, weil sie selbst betroffen sind, vielleicht, weil sie jemanden kennen, der oder die betroffen ist, vielleicht weil sie ein bisschen utopisch träumen. Und manche sehen das einfach nicht. Deshalb ist es gut, sich mal eine fremde Brille aufzusetzen, um die Welt mit einem anderen Blick zu betrachten, und zu fragen: „Sag mal, hast du das schonmal erlebt?“ –  weil eben nicht die gleichen Dinge für alle offensichtlich sind.

 

Sophie