Ich seh den Wald vor Bäumen nicht

In einer bildgewaltigen Inszenierung erkundete das Jugendtanz Theater Heidelberg am gestrigen Abend die eigenen Wurzeln.

Wie Hänsel und Gretel wird das Publikum zu Beginn des Stücks im Wald auf der großen Bühne ausgesetzt. Schmale Birkenstämme hängen an Stahlseilen von der Decke, warmes Licht umgibt uns. Plötzlich erfüllt ein mechanischer Laut den Raum als der sogenannte “eiserne Vorhang”, der die Bühne vom Zuschauerraum trennt, sich erhebt. Auf der Tribüne sind in einiger Entfernung die Tänzer*innen zu sehen. Als erste Trommelschläge das Publikum zusammenzucken lassen, beginnen sie über die Sitze zu gleiten, tauchen im Takt auf und verschwinden wieder. Schließlich stellen sich die Darsteller*innen in einer Reihe auf und strecken dem Publikum ihre ausgestreckten Hände entgegen. Man möchte fast danach greifen, sehnt sich nach dem Komfort, nicht selbst auf der Bühne stehen zu müssen und beobachtet zu werden. Die Verschiebung von Bühne und Zuschauerraum überrascht- man fühlt sich an eine Ahnenreihe erinnert, wenn die Performer*innen hoch oben auf der Tribüne Schulter an Schulter stehen. Über Lautsprecher stellen sich die Ensemblemitglieder mit ihren Vornamen vor.

Ein kalter Luftzug zieht über unsere Köpfe hinweg als sich die Seitenbühne neben uns öffnet. Fast unmerklich bewegt sich die Drehscheibe unter unseren Füßen und wir werden in Richtung des eben erschienenen Raumes rotiert, die Birken gleiten lautlos in die Höhe und verharren über unseren Köpfen. Während sich das Publikum genau wie der bewegliche Raum neu formieren muss, erscheinen die Trommler*innen und Tänzer*innen vor uns. Die anfangs blockierte Sicht wird frei als sich die vorderen Reihen der Zuschauer*innen auf den Boden setzen. Auch in den Kostümen der Performer*innen, die grün und beige gehalten sind, zeigen sich überlagernde Zeitebenen in flickenhafter Ästhetik. Ihre Körper bewegen sich impulsiv, miteinander ringend und in fließenden Bewegungen über die Seitenbühne – stets angetrieben vom Rhythmus der Trommeln. Ruhe darf auch beim Publikum nicht aufkommen: Nach kurzer Zeit gesellen sich die Tänzer*innen zu uns auf die Hauptbühne, spalten das Publikum mittig. Das Stück schafft es, eine getriebene Atmosphäre nicht zuletzt durch die häufigen Ortwechsel bei uns auszulösen. Durch diese Wechsel erarbeitet sich die Inszenierung ihre stark unterschiedlichen ästhetischen Qualitäten. Mal sind die Tänzer*innen spürbar nah, mal in der Ferne kaum zu erkennen.

Es folgt ein intimes Solo zweier Tänzer. Zu Geigenmusik umarmen sie sich, lassen sich dann wieder los. Die Szene verpasst dabei leider, eine Entwicklung darzustellen und bricht kaum mit den Erwartungen des Publikums. Als Gruppe bewegen sich jetzt die Darsteller*innen wie ein einziger Körper. Das Publikum, das sie von allen Seiten umringt, wird niemals aus den Augen gelassen. Einzelne Tänzer*innen, die zu Boden gehen, zieht die Gruppe zurück auf die Beine und das Bild ist wieder komplett.

Die Vergangenheit als Last

Den finalen Akt des Tanzstücks darf das Publikum von den weichen Sitzen des unteren Parketts im großen Saal aus betrachten. Die Trommler*innen werden mit Hilfe der mechanischen Hebebühne anfangs im Orchestergraben versenkt. Bedrohlich hallen die dumpfen Schläge ihrer Instrumente von den Saalwänden wieder. Familiengeschichten, die in bruchstückhaften Sequenzen aus dem Off erzählt werden, lassen uns Narrative von Kriegsgefangenschaft, Verfolgung, Tod durchleben. Die Birkenstämme stehen nun wieder auf der Bühne und werden vom Ensemble bespielt. Den Umgang mit ihren sinnbildlichen Wurzeln, zeichnen sie mit Liebe, Respekt, aber auch mit Furcht und Distanz. Es sind die vergangenen Geschehnisse, die die Darsteller*innen nicht loslassen. Besonders kriegerische Handlungen manifestieren sich in ihren Bewegungen, wenn sie wie im Kampf die Fäuste ballen oder pantomimisch Bogen spannen. Explizit wird er genannt in der Erzählung über eine Großmutter: Ihre Familie geriet zum Kriegsende in das Kreuzfeuer deutscher und englischer Soldaten. Ihr Großvater wurde erschossen, die Scheune der Familie brannte ab mit den Tieren darin. Die Baumstämme werden rot beleuchtet und rutschen kreuz und quer durcheinander. Im wohl stärksten Moment des Stücks kauern sich Spieler*innen unter die schräg vom Schnürboden hängenden Stämme. Ihre Arme sind um die Knie geschlungen und die Last früherer Generationen auf ihren Schultern ist in diesem Moment deutlich spürbar.

Das Stück schafft es durch starke Bilder und persönliche Geschichten, das Publikum anzuregen, nach Spuren vergangener Generationen im eigenen Leben oder gar im eigenen Körper zu suchen. Hinter der aufwendigen Bühnentechnik fällt es dem Ensemble allerdings manchmal schwer, ihre tänzerischen Ausdrucksmittel in den Vordergrund zu stellen.