„Ich mit meinem Lockenkopf“

Ben Hasan Al-Rim über Bob Marley, Krankenpfleger und den Weg aus der Gewalt

Ben, beim Tanzstück „Kellerkinder“ pöbeln sich alle an. Warum machst du da mit?
Weil es die Realität wiederspiegelt und es mir darum geht, sie zu verändern. Ich habe früher selber so gelebt, selber so gesprochen.

Wann hast du gepöbelt?
Das fing in der Gesamtschule an. Ich musste nie lernen und bekam immer eine Drei. Ich hatte einen Streberstatus. Ich mit meinem Lockenkopf! Meine Pflegemutter wollte sogar, dass ich Birkenstocksandalen trage. Aber in der Schule hatten alle Bomberjacken, sprachen Slang und hatten gegelte Haare. Sie haben immer gezeigt, wie hart sie sind. Da gibt’s nur eine Chance: Man muss sich integrieren. Also immer aggressiv gucken und keine Emotionen zeigen. Beim Tanzen war dann alles anders. Auf einmal ging es darum, sich zu öffnen. Das musste ich alles wieder lernen und mir aneignen.

Wie hast du Tanzen gelernt?
Mit 17 oder 18 habe ich mit Breakdance angefangen. Da habe ich Murat Alkan und David getroffen, sein Künstlername ist Basserman. Beide haben mich extremst inspiriert. Mit Bassermann habe ich das erste Mal Freestyle-Rap betrieben. Eine Line von ihm zitiere ich in meinem Text bei „Kellerkinder“. Worte können wie Waffen sein im Munde eines Menschen. Bassermann hatte viele Texte, aber ich kann mich nur an diese Line erinnern. Du kannst jemanden glücklich machen mit Worten, ihn so richtig hypen, aber du kannst ihm auch Energie nehmen und zum Weinen bringen.

Wann hast du deinen ersten Text geschrieben?
Ich erinnere mich noch genau daran. Das war in der achten oder neunten Klasse an der Hector-Peterson-Oberschule in Berlin. Da kam an einem Tag eine Frau zu uns in die Klasse und hat eine M&M-Tüte an die Tafel geklebt und uns gefragt, was wir dazu denken. Und worauf wollte sie hinaus? Auf Eminem. Und sie meinte: Jetzt schreibt doch einfach mal einen Text. Und das Schreiben war so einfach für mich. Es war so einfach, die Reime hintereinander weg zu schreiben und dabei eine Geschichte zu erzählen. Natürlich war der Text schlecht, aber die Klasse hat ihn total gefeiert und ich wusste, dass ich das weitermachen muss.

Du bist also auch ein Rapper?
Ich mag das Wort Rap nicht. Ich schreibe Texte. Im Rap geht es für mich um Gewalt, da kommen Sätze wie: Ich ficke euch alle, ich mache euch kaputt, ich bin der King. Aber das ist für mich verschwendete Energie. Was ich unter Hip-Hop verstehe, hat nichts Gewalttätiges. Hip-Hop ist für mich der Weg aus der Gewalt. Es ist für mich die Stimme, die Menschen erheben, wenn sie unterdrückt werden.

Warum hast du mit Hip-Hop deine Stimme erhoben?
Weil es mittlerweile zu viele Dinge gibt, die wir als Gesellschaft verändern müssen, und die mich unglücklich machen. Es gab ein Jahr, in dem ich mich nicht gut gefühlt habe. Das war 2009, mitten in meiner Ausbildung zum Krankenpfleger. Ich hatte mir die Kapsel am Fuß verletzt und konnte nicht tanzen. Ich konnte meine Gefühle nicht durch Tanz ausdrücken. Ich war unglücklich und wusste nicht genau, warum.

Weißt du jetzt, warum du unglücklich warst?
Ich hatte mir vorher nie Gedanken über irgendwas gemacht. Ich hatte mich zurückgezogen und war viel zuhause. Was ich gemacht habe? Daliegen, Rauchen, Nachdenken. Und ich habe gemalt. Mit Malen meine ich: Graffiti. Das gehört auch zur Hip-Hop-Kultur. Texte wollte ich in dieser Zeit einfach nicht schreiben. Am Ende hatte ich begriffen, dass ich die Ausbildung nicht will.

Warum wolltest du kein Krankenpfleger sein?
Die Idee eines Krankenhauses ist erst einmal super: Kranken Menschen helfen und sie in ihrer Gesundheit fördern. In der Realität ist das aber der totale Kontrast. Ich habe in meiner Ausbildung neun Krankenhäuser in Berlin kennen gelernt. Und ich habe gesehen, es geht immer mehr darum, aus den Patienten einfach nur Kapital zu schlagen. Ein Beispiel: Im Altenheim liegt ein 90-jähiger Mann, der wird nur einmal am Tag gedreht, weil es zu wenig Personal gibt und keiner für ihn Zeit hat. Und beim Drehen bricht der Altenpfleger dem Mann einen Hüftknochen wegen seiner kontrakten Gelenke. Das hätte nicht passieren müssen. Dann muss der Mann ins Krankenhaus und bekommt auch noch eine neue Hüfte, die er gar nicht braucht.

Hast du die Ausbildung abgebrochen?
Ich habe sie fertig gemacht, das war 2011. Aber ich wusste, dass ich im Bereich Tanz alt werden wollte. Und ich wusste, wenn ich damit Geld verdienen will, muss ich mindestens sechs Jahre lang trainieren. Ich wollte mein Herz öffnen. Ich hatte gemerkt, dass mein Leben bisher nur wie irgendeine Geschichte für mich war.

Was ist das für eine Geschichte?
Meine Mutter war Deutsche, mein Vater ist aus Syrien geflüchtet. Aber sie hatten beide ihre Probleme und kamen nicht miteinander klar. Als ich ein Jahr alt war und meine Schwester sieben, kam ich in eine Pflegefamilie. Da bin ich extrem behütet aufgewachsen. Ohne meine Pflegemutter würde ich hier jetzt nicht sitzen. Meinem Vater bin ich mit 16 wieder begegnet, aber er hat komische Sachen zu mir gesagt. Er hat zum Beispiel gesagt, er ist Moslem, also bin ich auch Moslem. Und er hat gesagt, ich darf nicht kirchlich heiraten, ich soll in die Moschee gehen und so weiter.

Würdest du dich als Moslem bezeichnen?
Wenn mich jemand fragt, bist du Moslem?, dann sage ich: Ja, bin ich, aber ich bin auch viel mehr. Ich mache das so: Ich sehe mir alle Religionen an, nehme mir das Positive davon heraus und nehme es in mein Herz. Ich verstehe nicht, warum man die Religionen voneinander trennt, wenn doch alle an einen Gott glauben.

Um deinen Hals trägst du eine Holzkette mit der Aufschrift „One Love“, sie hat die Form von Afrika.
One Love. Alles ist eins. Ich bin noch auf dem Weg, daraus eine Lebensphilosophie zu machen, um sie dann mit meinen Mitmenschen zu teilen. Ich habe die Kette erst vor fünf Wochen gekauft, aber ich wollte sie schon lange haben. Mein Künstlername ist DKUASUZ. Das steht für: Dein Kind und Afrika sind unsere Zukunft. Afrika ist für mich etwas ganz Besonderes. Für mich hat Hip-Hop in Afrika angefangen. Ich bewundere es, wie rhythmisch die Menschen dort sind. Und in größter Armut sind sie teilweise glücklicher als wir.

Und du hast ein T-Shirt mit Bob Marley.
Bob Marley und die ganze Rasta-Bewegung haben mich extremst inspiriert. Bob Marley hat sich auf der Bühne geöffnet. Ich schaue seine Videos und kann ihn fühlen. Alles, was er gesagt hat, kam so tief aus seinem Herzen und hat meines damit zutiefst berührt.

Szene aus
Szene aus „Kellerkinder“

 

Was heißt das für deinen Tanz und deine Texte?
Alles, was ich schreibe, will ich an meine Mitmenschen geben, um sie zu inspirieren. Wenn du Geld mit deiner Kunst verdienen willst, musst du ehrlich sein. Ich bin seit einem Jahr freischaffender Künstler. Ich brauche nicht viel Geld, aber ich muss davon leben. Ich arbeite für die TanzZeit Jugendcompany Evoke in Berlin. Da tanze ich Hip-Hop, Newstyle, Contemporary und Krump. Ich bringe Schüler in der siebten Klasse bei, zu tanzen. Ich will auch mal auf Tour gehen, aber meine Texte sind noch nicht so weit. Bevor ich mit denen auftreten kann, muss ich ins Studio gehen und fertige Tracks haben. Ich habe einen Producer kennen gelernt und will bald mit ihm arbeiten.

Findet man Aufnahmen von dir im Internet?
Da findest du fast nichts. Ich will erst einmal ein gewisses Niveau haben, bevor ich rausgehe und mein Wort an die Menschheit richte.

Bist du ein Tänzer?
Nein, ich würde mich als einen physisch und verbal tanzenden Menschen bezeichnen. Für mich lebt ein Tänzer nur in der Welt des Tanzes und ist nicht offen für neue Eindrücke. Ich habe Tänzer kennen gelernt, die nur in ihrem Stil getanzt haben und nichts anderes. Aber ein tanzender Mensch sucht den Austausch mit seinen Mitmenschen in allen Lebensbereichen und öffnet sein Herz.

Interview: Sebastian Meineck
Fotos: Dave Großmann