Ich bin einzigartig, ich bin Voyeur*in – ihr habt gewonnen

„Das Gipfeltreffen“ hat mich und das Publikum zu Voyeur*innen gemacht und extrem gut unterhalten. Nur dorthin, wo’s wehtut, ist das Ensemble nicht gegangen. Von Sophie Stroux

Acht Jugendliche in Sportjacken stellen sich vor: „Ich heiße Swantje und dürfte ich mir meinen Namen aussuchen, würde ich gerne Swantje heißen.“ Das Publikum lacht, freut sich, die Darstellenden so erfrischend nah zu erleben. Die Zuschauer*innen lernen über die Zeitspanne der Aufführung nicht nur Fakten über die einzelnen Performer*innen, sondern vor allem vieles über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Gruppe.

Die Aufführung des Performance-Jugendclubs hatte den Charakter einer ausführlichen Aufwärmübung, die zu einem sehr persönlichen Kennenlernen wird. Die Performer*innen präsentierten sich dabei jedoch so charmant und vertraut (und „weich“ und „single“), dass ich als Zuschauerin das Gefühl hatte, zu allen Darstellenden eine persönliche Beziehung aufzubauen. Das ist natürlich irreführend, denn die Beziehung ist eher einseitig; die Gruppe hat nichts über mich und den Rest des Publikums erfahren.

GEZIELT GEFÜHRT
Das Ensemble hat das Publikum jedoch von Anfang an so gekonnt an die Hand genommen und gezielt geführt, dass so ziemlich alles an dem Stück verzeihlich wird. Bei Einlass in die Seitenbühne spielten Lieder wie „It’s raining men“ oder „I’m so excited“. Das hat uns, das Publikum, genau in die Stimmung gebracht, mit der die Oldenburger*innen betrachtet werden wollten: wohlwollend, interessiert und ein bisschen voyeuristisch. Man wartet nur auf spannende Enthüllungen. Ich habe die wahrgenommene Nähe zu den acht Darstellenden – zumindest während der Aufführung – nicht hinterfragt.

Bei Einlass wurde dem Publikum auf Zetteln eine „Roadmap“ ausgeteilt, der Fahrplan des Abends und mit der Struktur der Performance. Für den Spannungsbogen war es aber eher kontraproduktiv, immer wieder ungedul-
dig nach dem nächsten Tagesordnungspunkt schielen zu können.

Je weiter die Vorstellung voranschritt, desto intimer wurden die Dinge, die die Performer*innen preisgegeben haben. Schritt für Schritt lockte das Ensemble die Zuschauer*innen gekonnt in die Rolle von Voyeur*innen, die mit Neugier und Sensationslust den Geheimnissen des Ensembles lauschten und sich in Gedanken mit den Per-
formenden verglichen.

UNGESUND EINSAM
Intime Geheimnisse, anonym hinter einer schwarzen Wand verraten, bildeten den Höhepunkt des Stücks. „Ich fühle mich manchmal einsam, also wirklich ungesund einsam“ war das Geheimnis, das mich wohl am stärksten berührt hat. Vorgetragen wurden diese Geständnisse nicht mehr von den Spielenden selbst, sondern von einer Computerstimme. Von Geheimnissen dieser Art hätte ich gerne mehr gehabt. Geschichten von Drogen und Sex sind für mich einfach nicht besonders überraschend. Über Einsamkeit zu sprechen ist viel eher ein Tabuthema.

Hier hat das Gipfeltreffen meiner Meinung nach kurz den Puls der Zeit getroffen. Hätte das Stück Themen wie diese vertieft, hätte es zu einem einfühlsamen Porträt einer Generation werden können. Doch das Stück blieb lieber auf dem Feel-Good-Level, das schon durch die Musik beim Einlass erzeugt worden war. Klar wurde auf der Bühne auch selbst- und fremdreflektiert, aber nicht wirklich dort, wo’s wehtut.

Das Publikum hat das dem Ensemble aber eindeutig nicht übelgenommen, zu verlockend war es, den charmanten Geständnissen einfach nur zu lauschen. Kein Stück hat auf dem Theatertreffen bisher mehr Lacher ausgelöst, keines hat sich für mich so kurzweilig angefühlt. Vielleicht hatte kein Ensemble auf dem Festival bisher sich so bescheidene Maßstäbe gesetzt wie dieses, und vielleicht ist kein Ensemble den eigenen Maßstäben so sehr gerecht geworden.