Ich als Kritiker

Im Theater wird kritisiert. Kritik kann wehtun. Kritik kann nerven. Wozu braucht man
sie? Und wer kontrolliert eigentlich die Kritiker*innen?

Von allen Rollen des Kulturbetriebs scheint die der Kritik die leichteste und auch gemeinste zu sein. Was die Ensembles oft in monatelanger Arbeit erschaffen haben, kann der*die Kritiker*in in ein paar Zeilen zerstören. Theaterkritiker*innen dürfen alle anderen kritisieren.
Umgekehrt scheinen sie sich gegenüber niemandem verantworten zu müssen. Ist das nicht furchtbar ungerecht? Und ist nicht überhaupt jede Theaterkritik vor allem eins: nur subjektiv?

VOR DER KRITIK
Bevor ich eine Kritik schreibe, überlege ich mir, was die Theaterschaffenden versucht haben – und was davon gelungen ist. Welche Geschichten haben sie erzählt, welche Mittel haben sie verwendet, welcher Eindruck ist dabei entstanden? War das, was auf der Bühne passiert ist, lustig, anrührend oder intelligent – oder hat es nur versucht, das zu sein? Steht das, was ich gesehen habe, in einer Beziehung zu aktuellen Entwicklungen oder Ereignissen, und wie ist das Stück damit umgegangen? Habe ich vor allem eine Darstellung gesehen oder wurde auch bewertet? Macht der Rest des Stücks diese Werturteile glaubhaft? Kann ich annehmen, dass es auch die der Theaterschaffenden sind, oder war es nur Figurenrede? Figuren dürfen auch falsche oder beleidigende Dinge sagen, die man den Theaterschaffenden kaum verzeihen würde.

DAS STÜCK SETZT DIE MASSSTÄBE, NICHT DIE KRITIKER*INNEN

Nicht alle Stücke lassen sich mit demselben Maßstab messen. Ein politisches Stück muss ich anders bewerten als reines Tanztheater. Während ich es dem politischen Stück mit Recht vorwerfen könnte, wenn die politische Analyse zu kurz käme, wäre derselbe Vorwurf beim reinen Tanztheater lächerlich. Die Maßstäbe, nach denen ich ein Stück beurteile, stellt das Stück also in gewisser Weise selbst auf: durch die Wahl der Themen, der theatralen Mittel, der Haltung, die es zu Ereignissen einnimmt, auch durch die Traditionen, in die es sich eventuell stellt.

Meine Perspektive als Kritiker ist dabei die eines interessierten, informierten, aber nicht professionellen Publikums. Die Perfektion einer Choreographie oder die technische Brillanz der Beleuchtung ist nicht mein erstes Interesse, sondern was die verwendeten Mittel beim Publikum bewirken. Wenn bei mir der Eindruck entsteht, dass technische Brillanz nur um ihrer selbst willen abgeliefert wird, könnte das sogar eher gegen das Stück sprechen.

WER HAT DAS LETZTE WORT?
Wie auch das Theater selbst werden Theaterkritiken für das Publikum gemacht. Wie die Theaterschaffenden gegenüber ihrem Publikum, habe auch ich als Theaterkritiker Verantwortung gegenüber meinen Leser*innen. Es ist die Verantwortung, das Stück in einer nachvollziehbaren Weise kritisch zu würdigen und so zur Meinungsbildung beizutragen.

Dass sich die Leser*innen ihre Meinung von mir oder einer*einem anderen Kritiker*in vorschreiben lassen, erwarte ich nicht. Bestenfalls werden sich viele Leser*innen meiner Sichtweise anschließen, weil sie die überzeugendste ist – aber nicht, weil ich als Kritiker eine besondere Autorität hätte. Zuletzt werden Kritiker*innen von all denen kontrolliert, die ihre Kritiken kritisch lesen. Auch der brachialste Verriss bleibt ohne Wirkung, wenn er niemanden überzeugen kann. Das letzte Wort bei jeder Kritik haben die kritischen Leser*innen.

 

Philipp