Höhenangst:
Ordnung und Zerfall

Sie nehmen den Raum ein und verändern ihn: Die Jugendlichen der Tanzwerkstatt des Oldenburgischen Staatstheaters laufen auf die Bühne und finden eine Stellung. Jeder Auftritt sorgt für Veränderungen der Situation, der Spannung, des Raumes, ausgelöst durch die reine Anwesenheit jedes einzelnen Tanzenden. Auf der Bühne bildet sich eine fragile Ordnung, die immer wieder zerfällt, immer wieder zu einer anderen wird.

Die Tänzerinnen und Tänzer setzen sich in „Höhenangst“ einander aus, gehen Beziehungen zueinander ein, werden in Beziehung gebracht. Das geschieht durch die Positionierungen, die im Raum zueinander eingenommen werden, durch Annäherung und Entfernung voneinander, aber auch durch die Wiederholung und Aufnahme von Bewegungen, durch Bewegungen, die auf andere reagieren.

Auf dem Raum, der die Bühne ist, steht alles in Bezug zueinander, aber dieser Bezug ist nie fixiert, immer nur flüchtig. Jede Beziehung ist in „Höhenangst“ prekär. Jede soeben aufgebaute Konstellation kann im nächsten Augenblick wieder zerfallen. So bilden sich Paare, die sich eng umschlingen und die einzelnen Nebenstehenden vereinsamt erscheinen lassen. Aber schon im nächsten Moment verlieren diese Paare ihre Gemeinschaft und bedürfen der Hilfe der einzeln Nebenstehenden, die sie mit Griffen zusammenhalten. Es bildet sich eine Gruppe, die eine Einzeltänzerin einkreist, ihr ihre Bewegungsfreiheit nimmt. Später werden ihre Schritte von der Gruppe adaptiert, beinahe nachgeahmt.

Foto: Dave Großmann Die Konfiguration von Macht und Unterwerfung ist in „Höhenangst“ stets labil. Setzen die Tänzerinnen und Tänzer auf der Bühne eine Bewegung oder werden sie zur Bewegung gezwungen? „Höhenangst“ zeigt uns verschiedene Möglichkeiten davon, wer oder was Bewegung initiieren kann. Da gibt es Bewegungen, die als Reaktion auf andere Bewegungen entstehen: das Zittern auf dem Boden liegender Körper, verursacht dadurch, dass neben ihnen laut auf den Boden gestampft wird. Da gibt es Bewegungen, die körperlich aufgezwungen werden: In einer Szene werden einem Teil des Ensembles immer wieder die Arme hochgedrückt, die Bewegungen von anderen Tänzern kontrolliert, sanktioniert. Da gibt es aber auch Bewegungen, die als eine Art Angebot in den Raum gesetzt und in Form einer abgewandelten, unvollständigen oder auch nur angedeuteten Wiederholung angenommen werden. So wird die Richtung eines Schrittes, den ein Einzelner macht, zu einem Impuls, der von den Armbewegungen der restlichen Gruppe aufgenommen und in eine neue Bewegung überführt wird.

Jede dieser neu eingeführten und wiederholten Bewegung geht mit einer Änderung der Beziehungen und Machtverteilung einher. Was bedarf es, um eine Beziehung aufrechtzuerhalten, und wann ist der Punkt erreicht, dass eine neue Beziehung – eine neue Bewegung, eine neue Raumkonstellation – entsteht oder eingenommen werden muss? Und setzt sich derjenige, der sich herausnimmt, eine Bewegung einzuführen, auch der Gefahr aus, eine Bewegung aufnehmen zu müssen? Vielleicht ist das die Fallhöhe, die bei „Höhenangst“ verhandelt wird. Diese Fallhöhe lässt sich nicht vermeiden, denn jeder auf der Bühne ist ja schon Teil dieser Situation, in der er eine Position beziehen muss.

Vielleicht sind darum vor allem auch Sprünge und Stürze Teil der Bewegungen, die hier ausgeführt werden. Dabei sehen wir in „Höhenangst“ keine Sprünge trainierter Tänzerinnen und Tänzer. Das Theater Oldenburg setzt sich aus Jugendlichen zusammen, die, so das Programm, unterschiedliche Bewegungserfahrungen haben. Die Qualität der Ausführungen unterscheidet sich. Das tut dem Stück keinen Abbruch: Die ungewollte Variation von Bewegungen fügt sich in das durchchoreographierte Chaos bestens ein und bereichert es mit organischen Momenten. Gerade dann zeigen sich die ganz spezifischen Bewegungen der Jugendlichen auf der Bühne. In diesen Momenten werden die jugendlichen Bewegungsformen präsent. Man könnte versuchen, den Titel „Höhenangst“ mit adoleszenten Konflikten in Verbindung zu bringen. Aber das Stück braucht diese Assoziation nicht notwendigerweise. Die Tanzwerkstatt des Oldenburgischen Staatstheaters erschafft auf der Bühne einen spannungsvollen Raum, in dem Ordnung und Zerfall, Gruppierung und Individualisierung verhandelt werden. Die Tänzer und Tänzerinnen präsentieren eine reife Performance.

Fotos: Dave Großmann