hell erzählen:
Spiel im Spiel

Die Idee, die “eigene Biografie und die eigene Identität als gleichzeitig relevant und veränderbar” wahrzunehmen, ist in der Form des Spielens im Spiel realisiert. Vom “Das bin ich”-Vorstellungsspiel zur “Reise nach Jerusalem” bis zur selbst gespielten Musik. Dabei dient als Grundelement des Spiels das Pappe-Rechteck, das je nach Bedarf kreativ umfunktioniert wird zum Versteck für Musikinstrumente, zum Sitz, zum Bauglied, zum Rahmen für das Gesicht. Was ist der Charakter dieses Spiels? Zum einen treten Flexibilität und Dynamik in den Vordergrund: Im Spiel kann vieles geschehen, was unvorhergesehen war. Zum anderen liegt der Fokus auch auf der Methodik und der Struktur als tragende Stützen des Inhalts: Die Spielregeln haben Gültigkeit und beeinflussen die Handlungen der Spielenden. So wird gemeinsam aufgebaut, gemeinsam zerstört. Es entstehen Räume, in denen Möglichkeiten so lange durchgespielt werden, bis jede Version ihre berechtigte Bühnenpräsenz hat. Dies alles lebt vom Charme der Ehrlichkeit, der Authentizität.

Im Spiel liegt jedoch immer auch die Spannung zwischen Realität und Fiktionalität. So behauptet beispielsweise die Figur in ihrer Rolle schwarze Haare zu haben, der Spieler aber ist blond. Dabei zuzusehen ist unterhaltsam. Gleichzeitig wirft das Spiel den Zuschauenden auf sich selbst zurück: Wie kann ich mit den Problemen, die im Spiel sowohl ernst als auch humorvoll anskizziert werden, umgehen, wenn es nicht unbedingt unmittelbar meiner Lebensrealität entspricht?

Alkoholtherapie, Eifersuchtsmord und Gewalt sind Spielanlässe, keine Therapieeinblicke. Von diesen Geschichten ist man berührt, ohne dass einem Betroffenheit diktiert wird. Dies gelingt schlau durch die Hinweise der Fiktionalität des Spiels – in welchem Verhältnis die Fiktionalität auch immer zur Realität stehen mag. Die Beziehung von Biographie zur Rolle bleibt dadurch selbstverständlich unklar und lässt den Zuschauer als Zuschauer zurück, der das Spiel wie ein staunender Voyeur beobachtet – oder ist es die Einsicht der Überforderung?

Foto: Dave Großmann