hell erzählen:
Reden über Hellersdorf

Zu Anfang gleich eine kleine Unverschämtheit. Im Kreis haben sich die acht Hellersdorfer Spielerinnen und Spieler aufgestellt, um Reise nach Jerusalem ohne Stühle zu spielen. Die einzigen Bühnenelemente werden an ihrer statt verwendet: Rechtecke aus Pappe, die Nullen sein könnten, welche den Nullzustand bauen lassen oder (Bilder)Rahmen oder auch etwas ganz Anderes. Wer bei Ende der Musik jedenfalls keinen in der Hand hält, muss von sich erzählen. Frech, wie sich Lukas an den Sieg heranschummelt, auch den rechtmäßig Gewinnenden noch den Rahmen aus den Händen reißt. Unverschämt eben und extrem sympathisch.

Ich habe mich gefreut über die Lust an diesem Spiel, das den Startpunkt bilden sollte für die erdachten und erlebten Geschichten, die folgten, für den sozialen Lagebericht. Diese kurze, auffeixende Freude am Spiel, am unbedingten Siegeswillen, war ein starker, klarer Moment, in dem eine Persönlichkeit auf der Bühne stand, die Raum greifen will, die man nicht ganz fassen kann. „Hell erzählen“ heißt die Produktion, was natürlich auf den Wohnort Hellersdorf referiert, aber auch Wort- und Bildassoziationen eröffnet, zu Klarheit und erhellen, etwas ins Licht rücken, das vorher dunkel bleiben musste, das vielleicht die Hölle war. Die SpielerInnen treten unter Namen auf, die nicht die eigenen sind, die irgendwo zwischen Figur, Pseudonym und Fantasiegestalt liegen müssen. Nach und nach treten sie an die Rampe, erzählen von sich, was sie sind und was sie kennen, was sie machen. Bei den meisten ist das nicht viel, das geben sie auch zu: essen, Schule schwänzen, vielleicht Freunde treffen, wenn es hoch kommt, kiffen und Bier trinken. Natürlich wird auch gefeiert, der getanzte Gangnam-Style bricht in die Szene. Gegenseitig spielen sie sich den Alltag vor, angedeutete Familienaufstellung. Gedankenlesen nennen sie das. Die Worte werden in den Mund gelegt, weil sich die Szenen gleichen und das Erleben gleicht, weil dadurch eine Überlagerung stattfindet: Die vermeintliche Authentizität wird in Kunsthaftigkeit überführt. Reden über Hellersdorf ist hier immer auch die Idee vom Reden über Hellersdorf.

Wir sehen die sorgeberechtigte Tante, die nichts mitzuteilen hat, außer Überforderung. Streit in der Familie und Gewalt, die Schülerin, die für alle die Hausaufgaben macht, sich ausgenutzt fühlt. Die Kindheit bricht den Erzählenden unter den Füßen weg, die Basis wird entzogen. Es muss sich neu orientiert werden, die Rollen anders gespielt. Über allem die Erkenntnis, es müsse sich etwas ändern, das immer Gleichbleibende ersetzt werden. Es klingt wie eine hohle Forderung und ist doch ein legitimer Anspruch: Gegenwehr ohne Gegenvorschlag. Stattdessen werden Möglichkeiten der Unterwanderung gesucht, ein Eingreifen in den eigenen Alltag. Gewissermaßen ein theatraler Akt zur Realitätsbewältigung – „denk Dir doch etwas Anderes aus“ ist die Formel. Hellersdorf wird Fantasie- und Utopieraum. Wie die Mutter durch beidseitigen Armbruch zwangsweise die Trinkerei aufgeben muss oder aus Eifersucht ein Junge abgestochen wird, wie Gewalt und Gefängnis auftauchen, das ist drastisch. Aber neben den Vorstellungen einer großen Musikkarriere oder einer neuen Liebe sind das die Visionen, die angeboten werden. Wie viel von dieser Drastik bräuchten wir in den Erzählungen, wie viel Unklarheit darüber, was davon erfunden war und was nicht? Die Gefahr des emotionalen Minenfelds ist gegeben. Der sich freispielende Lukas (der ja eigentlich Paul ist) und die Anderen, in Ihrem äußerst sehenswerten Spiel, dem schelmischen Gestus, wären ihm fast entgangen. Nur hätte ich gerne mehr gesehen, wie eine Reibung stattfindet, wie sich das Unbefangene, Ironische einen Weg sucht durch die Hellersdorfer Wohnsiedlungen und daraus hinaus. Der Weg hätte noch weiter gehen können. Der Applaus ist trotzdem euphorisch und das zurecht.

Foto: Dave Großmann