hell erzählen:
Lasst sie einfach nur spielen

Neun Jugendliche sitzen auf der Bühne und stricken, häkeln, binden sich die Schuhe auf und wieder zu, sie schminken sich, sie sitzen hinter Pappfenstern. Klein wirken sie. Das Stück beginnt mit einem Spiel. Ein bisschen wie ‘Reise nach Jerusalem’. Wer kein Platz findet, muss sich vorstellen. Die Spielenden haben offensichtlich Spaß, sie sind ausgelassen und lachen. Das Publikum lacht mit. Aber wenn es dann an den Text geht, wird es schwer. Sie sind nervös, die Sätze wirken auswendiggelernt. Warum gestaltet man die Vorstellungsrunde nicht freier, so wie das Spiel? Warum nicht einfach anderes Theater? Warum Theater mit nach-vorne-treten, Satz-sagen und wieder-zurücktreten?

Nachdem sich alle vorgestellt haben, spielen sie Gedankenlesen. Sie sind wieder lockerer. Sie bauen ein Turm und es wird wieder geklatscht. Sie benennen, was sie alles kennen. Inhalte, die zu mehr einladen: Ämter und Heime, Freude und Depression, Gewalt und Liebe. Dann spielen sie einen Rhythmus und brechen nacheinander aus, indem sie ‘’Es muss sich etwas verändern!’’ rufen. Der Ausbruch macht ihnen wieder Spaß. Und gleich danach wird erklärt, woraus sie ausbrechen wollen. Aus dem immer gleichen Alltag. Aus Problemen in der Familie. Aus Gewalt. Einer der Jungs behauptet: ‘’Ich werde Zuhause geschlagen.’’ Es wird nicht weiter darauf eingegangen. Ein Anderer kiffe, rauche, ginge selten zu Schule. Seine Mutter schmeißt ihn aus dem Haus. Die Tante versucht, ihn zu verstehen, aber er reagiert nicht auf ihre Fragen. Sie wird wütend und will ihn ebenfalls zurückdrängen. Das alles, weil sein Opa gestorben ist. Es wird nicht weiter darauf eingegangen. So geht es immer weiter. Die Jugendlichen erzählen etwas, was mich als Zuschauerin berührt, aber es wird nicht weiter bearbeitet. Aus dem Alltag ausbrechen wollen alle. Die Frage ist eher, warum? Die Frage könnte bei diesem Stück auch viel mehr so sein, warum ihr Alltag so aussieht wie er aussieht. Warum alkoholkranke Eltern keine Unterstützung bekommen, sondern ihre Kinder Angst haben müssen, vom Jugendamt abgeholt zu werden. Warum die Kinder keine Lust auf Schule haben. Mir hätte ein bisschen mehr Sozialkritik gefallen. Auch Kritik am Publikum (ich nehme mich nicht raus), das überfordert war mit der Lebensrealität der Jugendlichen, sich einfach nur unterhalten ließ, dass keine kritische Distanz aufbauen konnte, weil dieses Berührt-sein von dem, was gespielt wurde, einen gänzlich bannte.

Später stellen die Jugendlichen ihre Wünsche und Träume dar, hier erkenne ich den Spaß wieder. Wie sie beispielsweise verschiedene Szenarien für Laila durchgehen, wie die Mutter vom Alkohol abgehalten werden kann. Es werden exemplarisch Geschichten von plötzlichen Veränderungen erzählt. Das Stück wird zum Traum. Insbesondere bei Needy merke ich, hier wird der Traum vielleicht Realität. Sie steht tatsächlich auf einer Bühne und singt.

Als Publikum gehen wir mit der Erwartungshaltung in das Stück, etwas über die Lebenswirklichkeit der Hellersdorferinnen und Hellersdorfer zu erfahren und wir erfahren einiges. Aber ich hätte viel lieber noch den Jugendlichen beim Spielen zugeschaut. Der Prozess der Stückentwicklung, der zu Beginn dargestellt wurde, hätte weiter geführt werden können. So war es ein Stück, dass Charme hatte, dessen Thema aber nicht vollständig ausgeschöpft wurde.

Foto: Dave Großmann