hell erzählen:
Kein Luftschlossstück

Da gibt es Markierungen auf dem Boden wie in einer Turnhalle. Neun Jugendliche sitzen neben oder hinter kastenartigen Papprahmen. Da wird geschminkt, geknüpft, gestrickt. Dann fängt alles an mit einem Spiel: Stuhltanz, nur ohne Stühle, dafür mit den Papprahmen, und wer sich zu spät einen greifen kann, ist nicht nur einfach raus, sondern muss sich erst vorstellen. „Ich bin Lilly. Das bin ich. Ich bin hübsch, aber vielleicht bin ich auch ein bisschen hässlich.“

Die Figuren, die dort auf der Bühne erschaffen werden, wollen von sich erzählen. Davon, wie sie sich selbst sehen, von ihren Wünschen und ihrem Alltag, von dem, was sie kennen: „Ich kenn Kleinsein und Großsein“, „ich kenn, wenn gar nichts mehr geht“, „ich kenn Sport, ich kenn Shoppen, ich kenn Ämter und Heime“. Ihre Sprache ist klar und pointiert, immer wieder sehr poetisch und gut durchrhythmisiert; und genau das hält am Ende das Pathos fern, die Allgemeinplätze und die Betroffenheitsbeklemmung, die sich so leicht einschleichen, wenn es um Alkoholismus geht, um Jugendgefängnis und Therapiestunden. Die Figuren machen keinen Hehl daraus, dass Gewalt und Einsamkeit zu ihrem Alltag gehören. Ein Spieler sagt: „Ich hasse mein Zuhause.“ Aber was sie dann doch am meisten stört, ist, dass es jeden Tag „immer dasselbe“ ist, dass sich das Leben wie eine Einbahnstraße anfühlt, jeder mit seinen eigenen Problemen ringt, kein Ausweg in Sicht ist. Und dann hat die Angst der einen davor, von den Mitschülern ausgenutzt zu werden, weil man immer die Beste ist, plötzlich genauso viel Gewicht wie die Angst der anderen davor, ins Heim zu kommen.

Ihr gemeinsames Fazit ist: „Etwas muss sich ändern!“ Und auf der Bühne, im Spielen kann genau diese Veränderung stattfinden. Etwa, wenn alle Spieler gemeinsam trommeln, und nach und nach jeder einzelne aus diesem Einerlei-Rhythmus mit wildem Getrommel und dem Schlachtruf („Etwas muss sich ändern!“) aussteigt; wenn Geschichten einfach neu erzählt werden („Das Ende gefällt mir nicht!“) und wenn man Träume auf der Bühne so erzählen kann, dass sie fast wahr klingen: Needy wird im Shoppingcenter von Universal Music entdeckt, und dass sie wirklich singen kann, zeigt ihre Darstellerin Jass – „We could have had it all“. Insofern ist die Hellersdorfer Produktion vor allem auch eine kleine Liebeserklärung ans Theater, ans Spielen, denn auf der Bühne ist alles möglich, kann Wirklichkeit neu erschaffen werden, und das vor allem zusammen. Und so geht die Kraft des Ensembles natürlich vor allem von ihrem Zusammenspiel aus – wenn sie gemeinsam stampfen, springen, tanzen (Gangnam Style und Wuttanz), Papprahmentürme stapeln und Musik machen, mit Melodika, Cajón, Xylophon, Gitarre.

Trotz aller Träume, allem Mut zur Veränderung und aller Utopie – am Ende ist „hell erzählen“ kein Luftschlossstück. Die Spieler rufen im Chor: „Aber wenn es nur so einfach wäre!“ Es ist nicht so einfach. Auch nicht nach dieser wunderbaren Produktion, die nichts glattbügelt, sondern auch Brüche zeigt und das Schwierige, der es gelingt, mit so reduzierten Mitteln und so vielen geschickten Spielanweisungen so viel zu erzählen.

Foto: Dave Großmann