hell erzählen:
Eine wütende Forderung
an die Welt

Die acht Jugendlichen aus Hellersdorf erzählen Geschichten, die ihre sein könnten oder aber auch nicht. “Ich bin hübsch. Vielleicht aber auch ein bisschen hässlich”, stellt sich Lilly vor. Fantasienamen und Verfremdungseffekte sorgen für einen geschützten Raum, der den Jugendlichen die Möglichkeit gibt, ein künstlerisches Produkt zu schaffen und sie nicht bloß zur Schau stellt. Themen wie häusliche Gewalt und Mobbing werden verhandelt, ohne Mitleid erregen zu wollen. Das Stück zeigt Probleme auf, Mängel an der Realität. Und es korrigiert sie, mit viel Fantasie und Selbstbewusstsein, aber auch mit einer gesunden Portion Humor und viel Spaß am Spiel. Die Mutter wird ihren Alkoholismus überwinden – so oder so oder ganz anders, aber es wird passieren. Die dominierende Emotion, die sich durch das ganze Stück zog, war Wut. Eine Wut auf all die himmelschreiende Ungerechtigkeit in der Welt. “Und (ich) weiß ganz genau, dass dies ein beschissener Tag werden wird mit all dem Wahnsinn, der ständig in meiner Welt geschieht”, sagt Needy. Und: “Etwas muss sich ändern!” schmettern die acht Kinder und Jugendlichen ihre Nachricht an die Welt in die Welt. Sie fordern, was ihnen zusteht: Die Chance, in einer Umgebung aufzuwachsen, die Entfaltung zulässt. Ohne Gewalt. Ohne Ausgrenzung. Und dass diese Wut von Herzen kommt, steht außer Frage. “hell erzählen” ist eine Suche nach dem Hellen am Ende des Tunnels, durch den sie jeden Tag gehen. Die schauspielerischen Fähigkeiten der Darstellenden sind natürlich ausbaufähig, das Sprechen fiel ihnen doch sichtbar schwer, aber dank der klar strukturierten und sehr unmittelbaren Mono- und Dialoge, hat das der Eindringlichkeit keinen Abbruch getan. Was ich mir noch gewünscht hätte: eine homogenere Struktur, anstelle der relativ übergangslosen Aneinanderreihung verschiedenartiger Sequenzen (Reise nach Jerusalem, Tagesabläufe, individuelle Geschichten erzählen). NIchtsdestotrotz: Als man sieht, wie sich die Jugendlichen hinterher strahlend verbeugen, merkt man, wie sehr sie an diesem Abend über sich herausgewachsen sind.

Foto: Dave Großmann