hell erzählen:
Ein Raum, der einen
sofort einnimmt

Es ist nicht nur ein Wortspiel, dass das Stück der acht jungen Hell-ersdorfer auch „hell erzählen“ heißt. Wer hell erzählt, der verschleiert nichts und der versucht nicht, jemanden zu blenden. Es war also ein ehrliches Stück, und ein verspieltes.
Die Jungs und Mädels sind zwischen 11 und 15 Jahre alt. Zu Beginn des Stücks spielen sie „Reise nach Jerusalem“. Jemand trommelt auf der Cajón, und die anderen rennen im Kreis, aber nicht um Stühle, sondern um Rahmen aus Pappe. Dabei vermischen sich ungezwungenes Kinderspiel und konzentriertes Schauspiel. Wenn die Cajón verstummt, muss man sich einen Rahmen schnappen. Wer keinen Rahmen bekommt, der tritt nach vorne und erzählt von sich: „Mein Name ist… das bin ich… ich gehe nicht gerne zur Schule.“ Das Publikum lauscht konzentriert: Das Stück fesselt.

Ein Junge erzählt davon, dass er nicht in die Schule mag und lieber raucht. Ein Mädchen erzählt von ihrer Mutter, die trinkt. Wenn einer ein paar Schritte zurückgeht, und ein anderer das Wort übernimmt, dann gibt es kleine, unbeholfene Gesten. Das T-Shirt wird zurecht gezupft, oder die Strähnen hinters Ohr gestrichen. Man spürt: Da vorne passiert etwas Echtes. Einige Texte sind autobiographisch, aber nicht alle. Aber alle Texte wirken wahrhaftig. Da sind keine Worte dabei, die man nicht glaubt.
Einmal wird eine Geschichte erzählt: „Leila sagt zu ihrer Mutter: Trink kein Alkohol, sonst kann es passieren, dass ich in ein Heim muss. Leila muss in ein Heim.“ Das sind zwei wuchtige Sätze, und eine wuchtige Stille dazwischen.

Manchmal hat mich das überfordert. „Ich kenn Gewalt“, sagt einer. „Ich kenn gute und schlechte Freunde.“ Solche Szenen machen einen intimen Raum auf, der einen sofort einnimmt. Das ist nichts, was man gut oder schlecht finden kann. Es wirkt so ehrlich, dass es egal ist, ob dabei das chorische Sprechen immer synchron funktioniert, oder nicht. Das Stück ist so emotional, dass solche Dinge wie Kostüme, Requisiten und Dramaturgie in den Hintergrund treten. Wenn jedes Stück so „hell erzählen“ würde, wüsste man vielleicht gar nicht, was man mit der ganzen Nähe anfangen soll.

Foto: Dave Großmann