Heftige Zustände:
Die FZ-Autorennacht

Alle, alle, allealle waren gekommen. Vor der Bühne im Oberen Foyer drängten sich die Leiber auf den lila Liegesäcken, die Stuhlreihen dahinter vollbesetzt, die Atmosphäre dingste vor Literaturbegeisterung. Weil:

Es mal wieder so weit war. „Ficken im Himmel“! FZ-Autoren machen Liebe mit DEINEM Kopf bzw. lesen Texte vor! Dazu Moderation und Musik, eine knackige Stunde lang, ein schöner Tagesabschluss und Nachtöffner, ein Partyhupferl, eine Bonbontüte voller Ideen und Sound.

Und los. Moderatorin (und tja-Autorin und FZ-Veteran- bzw. -inärin) Laura Naumann kommt auf einem weißen Pferd herangeritten, entbietet den Tagesgruß und erklärt die Regeln: Drei LeserInnenblöcke, Applaus nur für die Vorlesenden, es ist schließlich ihr Abend (okay, da war natürlich noch das FFT, aber die haben heute ihre eigenen FZ-Seiten).

Aber – was ist das! tjm-Alumni David Erekul springt mit Luftrolle ans Keyboard, zaubert kurze, ironische Intermezzi, Jazz und Lied, Klimpern und Schwelgen, schmunzelnd und dringlich, ein schöner Soundtrack, der den himmlischen Fickfilm nicht unterbricht, sondern sanft vorantreibt.

Dann Khesrau Behroz am Plexipult (an dem, lange Klammer jetzt, neulich beim Theatertreffen mal der Schauspieler und Regisseur Herbert Fritsch stand und über die Lust am Spielen sprach – und dabei, ohne das Pult zu berühren, so energisch war und begeistert, dass das Wasserglas, das auf dem Pult stand, überschwappte, immer wieder schwappte, und das Wasser in Bächen das Plexiglas hinunterlief, ein Wasserkraftwerk, ein kreativer Überlauf, Ideenflut, solche Bilder, naja, sah jedenfalls cool aus). Jetzt also Khesrau, Poetry-Slam-erfahren, ein Rhetoriker, stimmgewaltig, laut, mal Clown, mal Prediger, er liest von unvermeidlichen Erektionen und – viel ernster – von einer Steinigung, der Frau unter dem Schleier, ein wuchtiger, dabei aber irriterend wortspielerischer Text, der sich so jedem Pathos entzieht.

Viel ruhiger dann Tabea Venrath, eine Geschichte über Cane, den Tischlauscher, den Asphaltlauscher, der der Erzählerinnenmutter „Versatzstücke Prosa ins Ohr träufelt“, diese lädt ihn im Gegenzug „mit Bedeutung voll“. Infiltration, liest Tabea, Implosion. Und peng.

Lena Stange! Mit einem ruhigen, aber beunruhigenden Text über irgendeinen Unfall, der irgendjemandem (einem Knaben vielleicht? Mit einem Traktor?) passiert ist, und dem Tag, den die Familie des Verletzten trotzdem auf dem Markt, im Supermarkt und im Baumarkt verbringt, mit Pflanzen und Jäten, am „vielleicht ersten wirklich warmen Tag“ des Jahres. Im Hintergrund des sonnigen Balkoniens steht immer diese Krankenhaussache, etwas „an dem man stirbt“, bei dem höchstens ein guter Operateur noch Wunder wirken kann, aber Wunder gibt es selten, schon gar nicht am Wochenende, wie wahr.

Intermezzo, dann Micha Huff, mit Schiebermütze gegen die Scheinwerferreflexion auf der Brille, und mit etwas Unvollendetem, nachdem „bisher keiner gefragt“ habe, aber hey. Von den Schwierigkeiten, sich einen anderen Menschen vorzustellen, bleibt man gedanklich doch immer im eigenen Kopf. Bob Dylan singt: „My brain is bleeding“. Später aber: Eine tolle Geschäftsidee: akkubetriebene Tischlampen für Kuschelstimmung in Restaurant und Privatwohnung! Ein Limerick, allerdings in Paarreim-Form. Und, urst leckerst, das Essen von gefrorenen Himbeeren mit dem schönen Satz: „I like you, stranger!“

Dann ein Höhepunkt des Abends: Sebastian Meineck mit seiner Tanzschul-Meditation „Um dich herum fangen sie an zu tanzen“. Der, wie heißt das, Du-Erzähler? steht am Rand und sieht die Paare wirbeln, „Surf Cool“ steht auf seinem T-Shirt, aber seine Gedanken drehen sich im Kreis, die Mädchen, das eigene Spiegelbild, Hand in Hand, Bauch an Bauch, eine wunderbare Pubertätsgeschichte zugleich mit großem Witz und tiefer Ernsthaftigkeit, genau so auch vorgelesen, grandios trocken, die perfekte Zuhörstimme, da traut sich kein Handy zu klingeln. „Eine Rumba!“ Toll.

Sehr schön danach: Eva Kissel. Tritt ans Pult, guckt durch seeehr große Brillengläser, sagt: „Gedichte“. Kleine Texte, von Oma und Opa, von Katzen und Milch, vom verlorenen Hof, vom Sterben und vom Gefühl, dass ein Pilz in der Hand macht. Still, zart, ein bisschen traurig, ein bisschen schwebend, poetische Erinnerungen an früher und davor: „Der Mantel, der […] nach Krieg riecht“.

Wieder David Erekul, danach David Holdowanski. Absurder Typ, absurder Text, über Kramer, der in die Zelle geworfen wird, der seine Träume tauscht gegen das Recht auf „Koitus“, eine Welt zwischen Kafka und Keineahnung, jedenfalls mit mehr Drogen.

Gutes Apropos, schließlich geht es in Lydia Dimitrows Minidrama „Wir machen eine ganz große Party“ um eben das: Feierei. Sekt, Sekt, Sekt: Es ist Sylvester und alles wird neu, jedenfalls bald, nach dem Feuerwerk. Einer geht nach Kanada, eine sucht die große Liebe, ein weiterer ist gar nicht begeistert davon, dass sie das tut – der Text wird szenisch gelesen, Lydia steht da mit Khesrau und Sebastian, Lena und David, und die Lesung gelingt, da stehen fünf Figuren, die auf der Schwelle stehen, kurz vor dem Absprung, die (schon wieder!) Bob Dylan hören und rumhängen. Noch.

Und dann? Dann wird nochmal gekeyboarded und abmoderiert, Ciao Kakao, Bis denne, Antenne, aber es geht ja weiter, wie es immer weiter geht, aber diesmal in toll, das Lagerfeuer funkt und raucht, die Festivalkids machen das gleiche, an der Bar ist Happy Hour und wir machen eine ganz große Party.

Video: David Holdowanski